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Rezension: Sachbuch : Dany le Rouge, Dany le Vert

  • Aktualisiert am

Eine französisch-deutsche Biographie

          Laurent Lemire: Cohn-Bendit. Éditions Liana Levi, Paris 1998. 119 Seiten, 89,- Franc.

          "Die Journalisten mögen mich", sagt Daniel Cohn-Bendit heute, "und ich mag die Journalisten." Das war schon immer so, und das erklärt auch manches. Es war ein Fotograf von "Paris Match", der dem 23jährigen auf dem Höhepunkt des Pariser Mai anbot, ihn persönlich zum SDS-Kongreß nach Berlin zu fahren, im Austausch für die Exklusivität der Bilder; auch eine hübsche Kollegin von der BBC sei mit von der Partie. Wer konnte da schon nein sagen? Cohn-Bendit jedenfalls nicht, also fuhr man schnell in die andere Hauptstadt der Revolte, zum Stelldichein mit den Genossen und zum Fototermin am Brandenburger Tor. Als das Duo vier Tage später, am 22. Mai 1968, wieder am Forbacher Grenzübergang eintrifft, hat der französische Innenminister dem "deutschen Anarchisten" bereits die Aufenthaltserlaubnis entzogen. Der Studentenführer versucht, bewaffnet mit einem Blumenstrauß, den Kordon der C.R.S. zu überwinden, doch ohne Erfolg. Immerhin, in einem Mercedes-Benz hinter der Grenze wartet schon eine ungeduldige BBC-Reporterin, die den angeschlagenen Rebellen nach Frankfurt chauffieren und einige Tage unter ihre Fittiche nehmen wird . . .

          Und hier sollte nun die Rhein-Main-Karriere des Helden beginnen? Noch nicht ganz. Heimlich, getarnt mit schwarzen Haaren und Sonnenbrille, kehrt der Ausgewiesene noch einmal an die Sorbonne zurück, wo die Mitkämpfer jetzt freilich auf Distanz zum Starkult gehen. Im Juni 1968 fliegt er an die Themse: Foto-Shooting am Karl-Marx-Grab, öffentliche Versammlung an der "London School of Economics". Dort lanciert er - wie einst de Gaulle in "Radio London" - seinen "Appell des 18. Juni", ruft die Franzosen auf zur "Résistance gegen die Faschisten". Rowohlt bietet 15 000 Franc für ein Buch über den "Linksradikalismus als Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus" : in fünf Wochen, mit Hilfe des älteren Bruders Jean-Gabriel, wird das Werk in einer bayrischen Sommerfrische aus dem Boden gestampft. Nach einem Abstecher zum "Anarchisten-Kongreß" in Carrara und zwei Wochen Sardinien-Urlaub mit einer französischen Schauspielerin ist der rotgelockte Rebell im Herbst 1968 der Star der Frankfurter Buchmesse. Genug ist nicht genug: Bei den Protesten gegen den Friedenspreis für Leopold Senghor hechtet er über die Gitter vor der Paulskirche, landet in einem hessischen Gefängnis, wird auf Bewährung verurteilt, arbeitet in Italien ergebnislos an einem "linken Western"-Film, reist zu einem Friedenstreffen nach Jerusalem, kehrt, vom Zionismus enttäuscht, nach Rom zurück und versucht sein Glück an der dortigen Universität. Daß auch dieses Projekt scheitert und die Rückkehr nach Frankreich bevorsteht, wird auf einer Pressekonferenz mitgeteilt. "Aus psychologischen Gründen", erklärt er, "war ich nicht in der Lage, mein Studium im Ausland fortzusetzen." Doch eine Intervention Jean-Paul Sartres beim französischen Erziehungsminister bleibt ohne Erfolg. Nun ist der 24jährige Studentenführer aus Paris endgültig reif für ein anderes Biotop: Daniel Cohn-Bendits politischer Schönheitsschlaf in der Frankfurter Alternativszene kann beginnen.

          Eigentlich, sagt sich der deutsche Leser, ist das ja der Stoff für einen Bildungsroman: wie ein junger Mann im Pariser Mai die Rolle seines Lebens fand, wie er sich darin fast verlor und wie er dann, in einem anderen Klima, schließlich doch wieder mit seinem Spiegelbild identisch werden konnte. Für den französischen Leser, der heute Laurent Lemires kleine Biographie zur Hand nimmt, präsentiert sich die Cohn-Bendit-Story fast noch dramatischer: als die Fabel vom "verlorenen Sohn". Dreißig Jahre nachdem er dem hexagonalen Blickfeld abrupt entschwand, ist der Polit-Rebell als Listenführer der französischen "Grünen" für die Europa-Wahl überraschend wieder auf die politische Bühne Frankreichs zurückgekehrt. Enthusiastisch begrüßt von den Medien, aber mißtrauisch beäugt von der "politischen Klasse", interpretiert er die alte Rolle noch einmal neu - ein gut aufgelegter Störenfried, der freilich nur noch Europa im Gepäck hat. Doch dies genügt: "Dany est fun", finden die französischen Journalisten unisono, vom bürgerlichen "Figaro" bis zur femininen "Elle".

          Geboren 1945 in Montauban, staatenlos, als zweiter Sohn jüdischer Emigranten aus Berlin, aufgezogen von der Mutter (nachdem der Vater wieder nach Deutschland gegangen war), eingeschult in Frankreich, aber zum Abitur gelangt in einem deutschen Internat, hat Daniel Cohn-Bendit bereits von Anfang an zwischen Sprachen und Kulturen balancieren müssen. Spätestens nach seiner Ausweisung wird er auf dieser multiplen Herkunft immer wieder insistieren, sich bei öffentlichen Auftritten stolz als "Bastard" bezeichnen. Die schwierigen Erfahrungen, die diese Pathosformel ironisch verbirgt, kann man nur ahnen: "Meine Biographie", erklärt er 1975, "ist die Geschichte der Zerstörung meiner ursprünglichen Identität und des Versuchs, im Laufe meines Handelns und Denkens eine neue zu finden."

          Der "Anarchist" von damals definiert sich heute als "radikalen Reformisten" und "libertären Liberalen" - doch sein Drang, Politik stets in der ersten Person zu treiben, ist geblieben. Auch bei den Grünen hat er lieber den Provokateur gespielt, als die Ochsentour vom Kassenwart zum Minister einzuschlagen. Das Frankfurter Dezernat für Multikulturelle Angelegenheiten, nach seinen Vorstellungen geschaffen, versah er freiberuflich. Und auch der jüngste Quereinstieg in den französischen Europa-Wahlkampf verbindet ein persönliches Phantasma mit einem programmatischen Projekt: Indem "Dany le Rouge" sich endlich für die Abschiebung vom Quartier Latin nach Bockenheim revanchiert, avanciert "Dany le Vert" zum Prototyp einer neuen Generation multinationaler Politiker.

          MATTHIAS GRÄSSLIN

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