https://www.faz.net/-gqz-3xy3

Rezension: Sachbuch : Braune Wahl im weißen Schnee

  • Aktualisiert am

Mathias Rösch: Die Münchner NSDAP 1925-1933. Eine Untersuchung zur inneren Struktur der NSDAP in der Weimarer Republik. R. Oldenbourg Verlag, München 2002. 598 Seiten, 79,80 [Euro].München war ein besonderes Pflaster für Hitler und seine Partei. In der bayerischen Landeshauptstadt hatte sich ...

          5 Min.

          Mathias Rösch: Die Münchner NSDAP 1925-1933. Eine Untersuchung zur inneren Struktur der NSDAP in der Weimarer Republik. R. Oldenbourg Verlag, München 2002. 598 Seiten, 79,80 [Euro].

          München war ein besonderes Pflaster für Hitler und seine Partei. In der bayerischen Landeshauptstadt hatte sich der in Wien beruflich Gescheiterte im Jahre 1913 niedergelassen und sich rasch in diese Stadt verliebt. Hier begann sein Aufstieg vom Bierkelleragitator über eine bayerische Provinzgröße zum reichsweit beachteten "Trommler", ehe seine Ambitionen mit dem mißglückten Putsch am 9. November 1923 jäh zerplatzten. Nach seiner Haftentlassung 1925 blieb Hitler München treu und baute von hier aus die NSDAP neu auf. Nachdem seine Partei mit der Reichstagswahl vom 14. September 1930 zur zweitstärksten Partei aufgestiegen war, expandierte die in München angesiedelte Parteizentrale und siedelte im Januar 1931 in das prunkvolle "Braune Haus" an der Brienner Straße über, das den Machtanspruch der NSDAP symbolisierte. War München also das reichsweite Aushängeschild des Nationalsozialismus, die "Hauptstadt der Bewegung", als die sie von nationalsozialistischer Seite gerne vereinnahmt wurde? Wurde die Macht in Berlin von München aus erobert?

          Resistente Katholiken

          Mathias Rösch läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß München entgegen dieser vollmundigen Selbstdarstellung keinesfalls ein für die Hitler-Partei optimales Terrain war. Zwar nahm sie von hier aus ihren Ausgang, und München bescherte der NSDAP bis Ende der zwanziger Jahre überdurchschnittliche Wahlergebnisse. Doch nach der rasanten Expansion der Partei ab 1930 hinkten die Münchner Wahlresultate (zwischen 25 bis 29 Prozent der abgegebenen Stimmen bei den Wahlen 1932) deutlich hinter denen anderer Großstädte hinterher. In seiner detailfreudigen, nicht selten von Einzelheiten überquellenden Darstellung arbeitet Rösch überzeugend heraus, daß der Expansion der Hitler-Partei in ihrem Stammsitz enge Grenzen gezogen waren, die mit der gesellschaftlichen Verfaßtheit Münchens und den dortigen politischen Rahmenbedingungen zusammenhingen. Denn München war mit mehr als 80 Prozent Katholiken diejenige deutsche Großstadt mit dem höchsten Katholikenanteil - und damit fiel in München jener Faktor besonders ins Gewicht, den die Wahlforschung bereits seit längerem als einen wesentlichen Hemmschuh für die Ausbreitung der NSDAP identifiziert hat.

          Zwar dürfte weniger als die Hälfte der Münchner Katholiken ihren Glauben aktiv praktiziert haben; aber dennoch rekrutierte sich daraus der Kern eines weitgehend resistenten katholisch-bayerischen Milieus, das für die in Bayern den politischen Ton angebende "Bayerische Volkspartei" (BVP) zu votieren pflegte. Zudem bestand ein sozialistisches Arbeitermilieu, das zwar wegen der unterdurchschnittlichen Industrialisierung der Stadt im Unterschied zu Berlin oder Hamburg nicht seinen Stempel aufdrückte, aber den Aufstieg der NSDAP ebenfalls hemmte. Hinzu kam, daß auch die Behörden das ganze Spektrum staatlicher Zwangsmittel gegen die Hitler-Partei ausschöpften und durch Versammlungs-, Uniform- und Zeitungsverbote das öffentliche Wirken der NSDAP massiv einschränkten. Nachdem der bayerische Staat bis 1923 das Treiben der Hitler-Anhänger mit Sympathie verfolgt hatte, griff er nach den Erfahrungen des Hitler-Putsches zum Teil rigoros gegen die nationalsozialistische Propaganda durch, wobei allerdings das schwächliche Verhalten der Münchner Justiz manche Maßnahmen verwässerte.

          Das Schwergewicht der Studie gilt der inneren Struktur der Münchner NSDAP - und hier sind die größten Defizite zu beklagen. Denn Rösch versteift sich auf eine gedankliche Engführung, welche den Anforderungen einer modernen Parteiengeschichte kaum gerecht wird. Gerade die Zeit der Weimarer Republik ist ein Paradebeispiel, um zu zeigen, daß und wie politische Parteien einem bestimmten soziokulturellen Nährboden erwuchsen, wie sie mit einer bestimmten Lebenswelt aufs engste verwoben waren. Der erkenntnisträchtigen Frage nach der wechselseitigen Durchdringung von NSDAP und einem korrespondierenden soziokulturellen Umfeld schenkt Rösch jedoch nur ansatzweise Beachtung. Zwar operiert er gelegentlich mit dem Terminus "Milieu", der diese Wechselwirkung auf den Begriff bringt. Dabei gelingen ihm einige interessante Beobachtungen, die er aber vorzeitig abbricht und nicht weiter verfolgt. Dazu gehört etwa der Hinweis darauf, wie sehr sich in den Ortsgruppen der Münchner NSDAP schon frühzeitig ein reges Parteileben entwickelte, das mit seiner organisierten Geselligkeit in hohem Maße zur inneren Vergemeinschaftung beitrug und durchaus an die geschlossene Lebenswelt des katholischen oder sozialistischen Milieus heranzureichen scheint.

          Weitere Themen

          Wie ein Sohn zum Diktator wurde

          FAZ Plus Artikel: Adolf Hitler : Wie ein Sohn zum Diktator wurde

          Über Kindheit und Jugend Adolf Hitlers lag lange ein dichter Schleier des Nichtwissens. Neue Quellen ermöglichen einen völlig anderen Blick auf sein Familienleben – besonders auf seinen Vater, der den größten Einfluss auf ihn hatte. Ein Essay.

          Berlinale-Jury stellt sich vor Video-Seite öffnen

          Berlin : Berlinale-Jury stellt sich vor

          In Berlin haben sich vier der sechs Mitglieder der Berlinale-Jury vorgestellt. Das Festival findet ab dem 1. März digital für das Fachpublikum statt, im Sommer sollen die Filme dann in Berliner Kinos gezeigt werden.

          Topmeldungen

          Der Reformer, der ungewollt zum Revolutionär wurde: Michail Gorbatschow, hier 1986 in Moskau

          Gorbatschows Reden beweisen : Der Umsturz war nicht beabsichtigt

          Manche glauben, Michail Gorbatschow habe alles das gewollt, was 1989 und danach passiert ist. Aber seine Reden zeigen, dass seine Absichten genau in die entgegengesetzte Richtung zielten.

          Bundesliga-Krisenklub : Schalker Rundumschlag

          Der Rauswurf hat sich bei Schalke 04 zur gängigen Lösungsmethode für Probleme aller Art entwickelt. Sportvorstand, Trainer, zwei Assistenten und der Teambetreuer werden auf einen Schlag „freigestellt“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.