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Rezension: Sachbuch : Braune Schleifspuren

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Joachim Lerchenmueller: Die Geschichtswissenschaft in den Planungen des Sicherheitsdienstes der SS. Der SD-Historiker Hermann Löffler und seine Denkschrift "Entwicklung und Aufgaben der Geschichtswissenschaft in Deutschland". Dietz Verlag, Bonn 2001. 320 Seiten, 68,- Mark.Die deutsche Geschichtswissenschaft ...

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          Joachim Lerchenmueller: Die Geschichtswissenschaft in den Planungen des Sicherheitsdienstes der SS. Der SD-Historiker Hermann Löffler und seine Denkschrift "Entwicklung und Aufgaben der Geschichtswissenschaft in Deutschland". Dietz Verlag, Bonn 2001. 320 Seiten, 68,- Mark.

          Die deutsche Geschichtswissenschaft hat sich frühzeitig mit dem "Dritten Reich" befaßt, eine Positionsbestimmung des Faches unter dem Nationalsozialismus aber aus subjektiver Betroffenheit zunächst unterlassen. Von Ausnahmen abgesehen, gerieten die in der NS-Zeit wirkenden Historiker erst zu Beginn der neunziger Jahre ins Fadenkreuz geschichtlichen Interesses. Die Lektüre rund fünfzig Jahre unbeachteter, wenngleich öffentlich zugänglicher Schriften ließ die Identifikation mit beziehungsweise Partizipation an nationalsozialistischem Gedankengut erkennen - bis hin zum Rassismus zahlreicher in der Bundesrepublik zu Renommee gelangter Gelehrter. Da diese nach 1945 zumeist in repräsentativen Funktionen ihrer Standesorganisation, in bedeutsamen fachlichen Gremien und Gesellschaften und bisweilen auch politisch wirkten, lag die Suche nach tieferen Schleifspuren in der NS-Zeit nahe. Man wurde im institutionellen Archivgut vielfach fündig. Erinnert sei an die Denkschrift des Kölner Nachkriegshistorikers Theodor Schieder aus dem Jahr 1939 zur ethnischen Neugestaltung des polnischen Raumes. Doch Papier ist geduldig und sagt an sich nichts über seine Wirksamkeit aus, die das eigentliche Kriterium eines personenbezogenen historischen Befundes bildet.

          Lerchenmueller ediert nun eine Reihe von Dokumenten über das Beziehungsgeflecht zwischen hauptamtlichen SS- und Hochschulhistorikern, die gemeinsam sogenannte "Gegenforschung" zur vermeintlich unzulänglich gleichgeschalteten universitären Geschichtswissenschaft betrieben. Es galt, verbindliche historische Interpretationsmuster zu entwickeln und ideologierelevante Problemfelder - beispielsweise zur Juden- und Freimaurerfrage - zu bearbeiten.

          Im SD sowie dem kultur- und wissenschaftspolitischen Steuerungsorgan "Ahnenerbe" wirkende Wissenschaftler wurden gezielt mit solchen Themen promoviert und habilitiert, um sie sukzessiv in die Hochschulen einzuschleusen. Ihre Betreuung übernahmen außen- beziehungsweise der SS nahestehende oder angehörende Universitätslehrer, unter ihnen Günther Franz und Erich Maschke. Franz, der zahlreiche SS-Historiker mit antisemitischen Schriften promovierte, firmierte als Obergutachter der SS in historischen Fragen.

          Im Mittelpunkt steht der SS-Historiker Hermann Löffler, der laut Urkunde bei Franz unter dem Dekanat von Maschke über den "Anteil der jüdischen Presse am Zusammenbruch Deutschlands" in Jena den Doktorgrad erwarb. Lerchenmueller bezweifelt, daß die Studie vorgelegt wurde, denn sie blieb unauffindbar. Löffler habilitierte bei Franz in Straßburg und wurde, weiter in Diensten der SS, dessen Assistent. Die Edition beinhaltet eine Denkschrift Löfflers über "Entwicklung und Aufgaben der Geschichtswissenschaft in Deutschland", die aus Sicht der SS richtungweisend für die Historikerzunft des "Dritten Reiches" sein sollte. In ihr werden in denunziatorischer Absicht die Universitätslehrer in systemkonforme und gegnerische aufgelistet. Der Krieg hat ein personelles Changement an den deutschen Hochschulen verhindert.

          Lerchenmueller verdeutlicht, daß nach 1945 das von der SS geknüpfte Netzwerk zumindest partiell in der Bundesrepublik gespannt blieb. Franz erhielt nach einigen Warteschleifen eine Professur in Hohenheim, wo er es zum Rektor brachte. Sein Gutachten verschaffte Löffler eine Professur an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, möglicherweise durch vorsätzliche Falschaussage: Er bestätigte die Promotion Löfflers und entideologisierte deren Titel, der nun "Die Haltung der deutschen Presse am Ende des I. Weltkrieges" lautete.

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