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Rezension: Sachbuch : Blind auf einem Auge

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Und scharfsichtig auf dem anderen / Deutsche Deutschlandexperten

          3 Min.

          Petra Marquardt-Bigman: Amerikanische Geheimdienstanalysen über Deutschland 1942-1949. Studien zur Zeitgeschichte. Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte, Band 45. R. Oldenbourg Verlag, München 1995. 298 Seiten, 68,- Mark.

          Noch bis in das Jahr 1941, das mit dem Schock von Pearl Harbor endete, besaßen die Vereinigten Staaten keinen einheitlichen Geheimdienst. Das lag nicht nur an der Überzeugung, daß Gentlemen und Demokraten nicht die Post anderer Leute lesen, sondern auch am Ressortegoismus der Teilstreitkräfte, des diplomatischen Dienstes und der Bundespolizei. Daher wurde die Zusammenfassung auch nicht von den Profis betrieben, sondern von dem New Yorker Anwalt Donovan, dessen besondere Qualifikationen in seinem Kriegsruhm aus dem Ersten Weltkrieg und dem daher rührenden Spitznamen "Wild Bill Donovan", seinen guten Kontakten nach England und seiner Vertrauensstellung bei Präsident Roosevelt bestanden.

          Donovan wurde im Juli 1941 zum "Coordinator of Information" ernannt und machte sogleich deutlich, daß es tatsächlich nicht darum ging, Briefe zu durchleuchten, sondern die allgemein zugänglichen Informationen systematisch zu nutzen. So regelte er zunächst die Zusammenarbeit mit der Library of Congress und warb dann an den Universitäten Mitarbeiter an, wobei er etwa den Historiker Langer dazu überredete, eine Professur in Harvard aufzugeben. Auf diese Weise entstand eine Research- and Analysis-Abteilung (R + A), deren Arbeit freilich an Bedeutung zu verlieren schien, als Amerika in den Krieg eintrat und Donovans Behörde unter dem neuen Namen eines Office of Strategic Studies (OSS) den Stabschefs unterstellt wurde.

          Die Historikerin Petra Marquardt-igman beschreibt die Geschichte des OSS, besonders der "R + A"-Abteilung und ihrer Deutschlandstudien von der Einrichtung Anfang 1942 bis zur Auflösung 1946. Zu Beginn dieser Zeit treten besonders in der großen Londoner Außenstelle die operativen Aufgaben des OSS in den Vordergrund, doch die "R + A"-Experten gewannen vor allem durch ihre Vorarbeiten zu der Alliierten-Landung in Nordafrika die Anerkennung des Militärs und wurden seither immer stärker in die militärische Planung einbezogen. Bis zum Kriegsende schrieben sie 3000 Studien verschiedenster Art, die von Kurzanalysen im Umfang einer Schreibmaschinenseite bis zu ganzen Handbüchern reichten.

          Die Deutschlandexperten kamen vor allem aus dem Umkreis des an die Columbia University verlagerten Instituts für Sozialforschung. Zu dieser Gruppe zählten damals noch unbekannte Mitarbeiter wie Herbert Marcuse und Otto Kirchheimer. Zur Führungsfigur wurde Franz Neumann, dessen Buch "Behemoth", eine Darstellung des NS-Systems, die Richtung der zahlreichen Deutschlandanalysen vorbestimmte. Die "R + A"-Experten arbeiteten also mit einem neomarxistischen Interpretationsschema, weshalb sie linke Oppositionsgruppen stets überschätzten und den nichtsozialistischen Widerstand ignorierten oder abwerteten. Petra Marquardt-Bigman zeigt freilich, daß Neumanns marxistische Sicht des Nationalsozialismus dennoch manchen konkurrierenden Erklärungen überlegen war. Da die "R + A"-Analytiker besonders die Strukturen des nationalsozialistischen Herrschafts- und Unterdrückungsapparates betonten, bildeten sie ein Gegengewicht zu völkerpsychologischen Erklärungen, die mit dem deutschen Charakter argumentierten. Sie bezweifelten alle Konzepte, die darauf zielten, den Durchhaltewillen der deutschen Bevölkerung von außen beeinflussen zu können. Erst müsse das totalitäre Kontrollsystem fallen, bevor die Meinung der Bevölkerung eine Rolle spielen könne, und nicht umgekehrt. Entsprechend warnten sie auch vor der Forderung nach bedingungsloser Kapitulation, die, vor allem weil sie völlig undefiniert war, den Nazis nur neues Propagandamaterial in die Hände spielte. Außerdem wandten sie sich auch gegen die Zerstückelung und Deindustrialisierung Deutschlands, um einer demokratischen Regierung wirtschaftliche Erfolge möglich zu machen und nationalistischen Kräften die Grundlage ihrer Agitation zu entziehen.

          Die marxistische Sichtweise führte also zur Blindheit auf dem einen Auge, während das andere um so klarer die Bedeutung von Strukturen erkannte. Die Autorin hat diese Ambivalenz in einer gründlichen Studie herausgearbeitet und damit ein weiteres Stück zum Verständnis der im Krieg beginnenden Nachkriegsgeschichte Deutschlands beigetragen. MICHAEL ZÖLLER

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