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Rezension: Sachbuch : Bilanz der Friedenspolitik

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Eine gute Idee, nicht ganz leicht zu verwirklichen

          Volker Matthies: Der gelungene Frieden. Beispiele und Bedingungen erfolgreicher friedlicher Konfliktbearbeitung. Reihe EINE WELT Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden, Band 4. Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 1997. 312 Seiten, 24,80 Mark.

          Der Herausgeber hatte die gute Idee, gelungene Friedensprojekte vorzustellen. Sie war freilich nicht einfach zu verwirklichen. Der Allgemeinbegriff "Friede" ist so groß, historisch derart prall gefüllt, daß seine umgangssprachliche Verwendung sehr viel leichter fällt als die wissenschaftliche. Einigt man sich mit dem Herausgeber schnell darauf, unter "Frieden" andauernden Verzicht auf Gewaltanwendung zu verstehen, also auf den sogenannten negativen Friedensbegriff, so ist dieser Gewaltverzicht in vielerlei Beziehungen anzutreffen, in der Familie, zwischen den Arbeitsmarktparteien, zwischen den Staaten.

          Die Ursachen des Gewaltverzichts aber sind heterogen, geradezu unvergleichlich. Krieg und Bürgerkrieg werden über den gleichen Kamm geschoren, obwohl sie sich selbst im Phänomen der Gewaltanwendung unterscheiden. Im Krieg stehen sich organisierte Heere verschiedener Staaten, im Bürgerkrieg Staat und Bürger gegenüber. Zum Krieg werden die Bürger von ihren Regierungen befohlen, während sich der Bürgerkrieg gegen die Regierung wendet. Hier dominieren Handfeuerwaffen und Häuserkämpfe, dort schwere Waffen, Luft- und Seekämpfe. Wird in beiden Fällen Gewalt angewendet, so sieht sie nicht nur ganz unterschiedlich aus; auch ihre Ursachen sind verschieden.

          Wie nützlich die Unterscheidung wäre, kann man in dem von Volker Matthies herausgegebenen Buch feststellen, das auf sie verzichtet. Dieter Senghaas stellt das wichtigste und größte Unternehmen vor, die Befriedung des alten Krisenherdes Westeuropa beziehungsweise die Herstellung des Friedens in der Welt der Industriestaaten, den sogenannten OECD-Frieden. Daran schließt sich unvermittelt die Untersuchung ganz anderer Probleme an, nämlich der Bildung oder Konsolidierung einzelner Staaten. Die Problempalette reicht von der Schweiz (Karl W. Deutsch) über den Libanon (Volker Perthes) bis nach Mozambique (Sabine Fandrych), präsentiert also Fälle, in denen die Gewaltanwendung erfolgreich überwunden und durch einen neuen Konsens ersetzt werden konnte. Am Schluß des Bandes wird eine weitere Befriedungsstrategie vorgeführt: die vorbeugende Gewaltverhinderung in Mazedonien (Wolfgang Möller) durch die Stationierung von Friedenssicherungstruppen der Vereinten Nationen und die vorbeugende Diplomatie bei der Lösung der Minderheitenfrage in Lettland und Estland (Hanne M. Birckenbach).

          Diese Einzelstudien sind durchweg interessant, solide gearbeitet und sehr anschaulich. Sie tragen der Tatsache Rechnung, daß in unserer Gegenwart Gewalt hauptsächlich in den Staaten angewendet wird, nicht mehr zwischen ihnen (obwohl sich das, wie das Buch richtig anmerkt, auch wieder ändern könnte).

          Es wäre naheliegend gewesen, diesen Fallstudien ein gemeinsames Problemraster vorzugeben, dessen Anwendung den späteren Vergleich ermöglicht und erleichtert hätte. Das von Senghaas entwickelte "zivilisatorische Hexagon" hätte sich dazu leicht angeboten, zumal es den ersten Aufsatz thematisiert. Es wird aber nur vereinzelt, etwa von Rolf Hofmeier im Fall Tansania, verwendet. Zumeist folgt die Analyse der gelungenen Friedensprojekte den im Einzelfall vorgefundenen Problemfiguren. Diese Methode hat den Vorteil, dem individuellen Fall kein ihm möglicherweise unangemessenes Analyseschema überzustülpen; andererseits erschwert sie den Versuch, die Ergebnisse der immerhin zehn Fallstudien auf das Gemeinsame abzusuchen und daraus Strategien für die Befriedung von Bürgerkriegen abzuleiten.

          Der Herausgeber hat sich der verdienstvollen und großen Mühe unterzogen, dies in seinem einleitenden Beitrag dennoch zu unternehmen. Er will aus den Beiträgen extrahieren, Wo, wann und warum die friedliche Konfliktbearbeitung Erfolg gehabt hat. Er sieht, zu Recht, die Ursache in der "günstigen Kombination" zahlreicher wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktoren. Oberste Voraussetzung für den Abschluß eines Friedensprozesses ist natürlich der "erklärte Wille der Konfliktparteien zum Frieden", ein "gemeinsames Interesse an der Wiederherstellung beziehungsweise Erneuerung funktionaler Staatlichkeit". Was soll man aber machen, um gerade diese beiden Grundvoraussetzungen zu erzeugen?

          Sucht man die Einzelbeiträge daraufhin ab, so findet man sehr viel mehr verallgemeinerbare Hinweise, als der Herausgeber selbst notiert. Könnte man nicht die für Südtirol (Michael Feiler) - allerdings erst nach Jahrzehnten erbitterten Kampfes - gefundene Regelung auch im Falle Kaschmirs anwenden? Enthält nicht die Proporzdemokratie der Schweiz - für die das Buch einen von dem berühmten Politikwissenschaftler Karl W. Deutsch verfaßten Aufsatz von 1976 überarbeitet hat - Hinweise, die auch für den heutigen Libanon fruchtbar gemacht werden könnten?

          So gelesen, stellt das Buch eine wahre Fundgrube für diejenigen dar, die sich Gedanken über die Möglichkeiten machen, die Bürgerkriege der Gegenwart, deren Zahl zunehmen wird, zu befrieden. Vor dieser Aufgabe können sich die Europäer nicht drücken, und zwar nicht nur, weil sie für manche Ursache solcher Konflikte verantwortlich sind, sondern weil sie von den Folgen der Bürgerkriege unmittelbar betroffen werden. Es ist das große Verdienst dieses Buches, auf diese Aufgabe dadurch aufmerksam zu machen, daß es gelungene Problemlösungen darstellt. ERNST-OTTO CZEMPIEL

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