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Rezension: Sachbuch : Berlin im Kalten Krieg

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Drei Veteranen der Geheimdienste erinnern sich

          5 Min.

          George Bailey/Sergej A. Kondraschow/ David E. Murphy: Die unsichtbare Front. Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin. PropyläenVerlag, Berlin 1997. 589 Seiten, 16 Seiten Abbildungen, 58,- Mark.

          Als in den frühen Morgenstunden des 22. April 1956 KGB-Offiziere in den 450 Meter langen Spionagetunnel eindrangen, den der amerikanische Geheimdienst CIA in Zusammenarbeit mit dem britischen SIS unter der Berliner Sektorengrenze von Neukölln nach Treptow getrieben hatte, war eine sich über Jahre erstreckende Geheimdienstoperation beendet. Genau elf Monate und elf Tage lang waren unterirdische Telefonkabel der Sowjetarmee angezapft und abgehört worden.

          Was wie ein Überraschungscoup schien, war sorgfältig vorbereitet: Durch George Blake, ihren "Maulwurf" im SIS, waren die Sowjets seit Oktober 1953 von den Plänen zum Tunnelbau ebenso informiert wie später über seinen Bau, der im Februar 1955 fertig war. Um ihre "Spitzenquelle" nicht durch Rückschlüsse auf die Herkunft der Information zu gefährden, hatten die Russen vorläufig auf Gegenoperationen verzichtet und bewußt in Kauf genommen, daß ein Teil ihres Fernsprechverkehrs abgehört wurde. Als die Quelle nicht mehr gefährdet war, inszenierte das KGB nun die "zufällige Entdeckung" des Tunnels.

          Die ausführliche Schilderung dieser Operation ist eines der spannendsten Kapitel in dem vorliegenden Buch, in dem das Gegeneinander der Geheimdienste im geteilten Berlin zwischen 1945 und 1961 nachgezeichnet wird. Seine Besonderheit beruht nicht nur darauf, daß es sich auf Akten und Analysen aus den geheimen Archiven von CIA und KGB stützen kann. Auch seine Autoren, Schlüsselfiguren aus der westöstlichen Spionage, lassen aufhorchen: Der heute sechsundsiebzigjährige David Murphy war von 1954 bis 1961 Chef der Berliner Operationsbasis der CIA und danach bis 1968 Leiter der Abteilung Sowjetunion im Hauptquartier des amerikanischen Geheimdienstes. Sein Gegenspieler Sergei Kondraschow, heute 74, blickt zurück auf eine Karriere als General im KGB, in dem er von 1955 bis 1957 sowie von 1963 bis 1967 die Deutschland-Abteilung der Auslandsaufklärung leitete. Und George Bailey, mit 78 der Älteste der drei, war im Krieg Verbindungsoffizier der US-Army zur Roten Armee. 1956 übernahm er Aufgaben als Journalist, zeitweilig als Leiter von Radio Liberty in München. Schon dieser Autoren wegen zieht das Buch, dessen amerikanische Originalausgabe Battleground Berlin von Ralf Friese ins Deutsche übersetzt wurde, Interesse auf sich.

          Wer das Kompendium liest, wird nicht enttäuscht. Die Autoren führen zurück in die Zeit des Kalten Krieges, als Berlin zum schicksalhaften Brennpunkt des Ost-West-Konflikts wurde. Schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit ging der sowjetische Geheimdienst daran, seine Strukturen in der alten Reichshauptstadt aufzubauen. Als die westlichen Alliierten im Juli 1945 in die Vier-Sektoren-Stadt einrückten, waren die Russen bereits arbeitsfähig. Es dauerte seine Zeit, ehe auch die Gegenseite ihre Operationsbasis geschaffen hatte, ehe die alliierten Dienste ihre Aktivitäten aufnehmen konnten - von Kompetenzgerangel ganz zu schweigen. Erst die 1947 neugeschaffene CIA bekam die Berliner Operationsbasis der amerikanischen Nachrichtendienste fest in den Griff.

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