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Rezension: Sachbuch : Bekannte Geheimnisse

  • Aktualisiert am

Was Briten und Amerikaner von Auschwitz wussten

          3 Min.

          Richard Breitman: Staatsgeheimnisse. Die Verbrechen der Nazis - von den Alliierten toleriert. Aus dem Englischen von Ursel Schäfer und Heike Schlatterer. Karl Blessing Verlag, München 1999. 416 Seiten, 44,90 Mark.

          War Auschwitz zu einer der größten Städte Europas geworden? Die Reichsbahn meldete viele Transporte mit Juden, doch keine, die den Ort verließen. Ein Spion berichtete im Herbst 1942 von Massenhinrichtungen. Der polnische Untergrund hielt fest, dass Zehntausende Juden und sowjetische Kriegsgefangene in Ausschwitz eingetroffen seien, "einzig zum Zweck ihrer sofortigen Vernichtung in Gaskammern". Das Direktorium für zivilen Widerstand in Polen meldete im März 1943, dass in einem neuen Krematorium in Auschwitz-Birkenau ungefähr 3000 Menschen am Tag getötet wurden.

          All das war der britischen Regierung bekannt. Beinahe seit Kriegsbeginn kannte der Geheimdienst nicht nur die Meldungen der deutschen Reichsbahn. Er hörte auch die Funksprüche von SS und Polizei ab, darunter Gespräche zwischen Adolf Eichmann und Leitern von Vernichtungs- und Konzentrationslagern. Schon im September 1941 sah der britische Secret Intelligence Service davon ab, in den Berichten an den Premierminister über die Massenmorde im Osten gesondert zu berichten, denn "mittlerweile dürfte hinlänglich bekannt sein, dass die Polizei jeden Juden tötet, der ihr in die Hände fällt." Nach und nach ergab sich ein Gesamtbild des Holocaust. Aufschlussreich war etwa eine Meldung, dass in Ausschwitz dringend 600 Gasmasken benötigt würden. Der militärische Abwehrdienst der polnischen Exilregierung in London schickte im Mai 1943 einen Bericht über die Lage in Polen nach Washington, der die Zahl der in Auschwitz Ermordeten auf den Stand brachte. Eine Version ging an den Generalstab der Alliierten.

          Wie reagierten Briten und Amerikaner? Nicht untypisch ist der Kommentar des Vorsitzenden des britischen Geheimdienstausschusses. Juden und Polen versuchten seiner Ansicht nach, die Briten "aufzustacheln". Berichte über Gaskammern verglich er mit alliierter Gräuelpropaganda gegen die Deutschen im Ersten Weltkrieg. Den amerikanischen Verbündeten hätten die Briten ihre Erkenntnisse aus dechiffrierten Meldungen weder sogleich noch vollständig zur Verfügung gestellt, schreibt Richard Breitman, der die Funksprüche von SS und Polizei nach eigenen Angaben erstmals in großem Umfang auswertete. Selbst der Vorsitzende der amerikanischen Sektion des Jüdischen Weltkongresses bezweifelte, ob die Informationen zur "Endlösung" verlässlich waren. Dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt wurde ein Memorandum mit dem Titel "Ausrottungsplan" überreicht, mit der Bitte, die Vernichtung der Juden zu stoppen. Roosevelt erwiderte, die meisten Tatsachen seien bekannt, doch könnten die Allierten nicht alle Deutschen als Mörder ansehen. Sowohl der amerikanische Präsident als auch Churchill drohten mit Vergeltung nach Kriegsende, zitierten aber ansonsten beide das Sprichwort "Gottes Mühlen mahlen langsam, aber trefflich klein."

          Die ausländische Berichterstattung über den Holocaust veranlasste Himmler darüber nachzudenken, für Juden Lösegeld zu verlangen oder sie als Geiseln festzuhalten. Es gab Anzeichen dafür, dass die nationalsozialistische Führung bereit war, einige tausend Juden auszutauschen oder freizulassen, aber nur, wenn diese Europa verließen und die Alliierten sich um sie kümmerten. So habe sich die Chance geboten, Unruhe im Ausland zu stiften, schreibt Breitman. Zudem berichtet er von verschiedenen dubiosen Unternehmungen, etwa dem angeblichen Versuch von deutscher Seite, von den Alliierten 10 000 Lastwagen zu bekommen - ausschließlich für den Einsatz an der Ostfront bestimmt. Dafür sollten die ungarischen Juden verschont werden.

          Doch warum unternahmen die Allierten nichts, um den Völkermord zu stoppen? Warum wurden weder die Gaskammern noch die Bahngleise bombardiert, die nach Ausschwitz führten? Diesen Fragen widmet Breitman, der viel Bekanntes ausführlich zusammenfasst wenig Raum. Danach gab es konkrete Vorschläge der polnischen Exilregierung und jüdischer Organisationen, wie das Morden in Birkenau wenigstens zu unterbrechen sei. Sie wurden auch zur Kenntnis genommen. In Großbritannien kam man zu dem Ergebnis, dass Schienenwege leicht zu reparieren seien. Der stellvertretende amerikanische Kriegsminister McCloy lehnte den Plan eines militärischen Eingreifens zu humanitären Zwecken rundweg ab. Es wurde nicht weiter geprüft, welche Schwierigkeiten die Bombardierung eines so genau umrissenen Ziels verbunden war. Amerikanische Flugzeuge griffen jedenfalls Industrieanlagen in der Nähe von Ausschwitz an. Die britische militärische Führung wollte zunächst genaue topografische Unterlagen beschaffen. Ein Staatssekretär verwies schließlich darauf, dass zuletzt keine Deportationen etwa aus Ungarn mehr stattgefunden hätten. Gleichwohl gingen die Transporte aus anderen Regionen Europas weiter.

          Breitman meint, die Bombardierung der Gaskammern 1944 wäre ein "mächtiger und überzeugender Ausdruck der Besorgnis" angesichts des Massenmordes gewesen. Doch schwerer als die Weigerung, Ausschwitz zu bombardieren wiegt seiner Ansicht nach, dass die westlichen Regierungen so viel Zeit hätten ungenutzt verstreichen lassen. Überzeugende Gründe hierfür kann auch Breitman nicht nennen. Einige seiner Ersuchen um Freigabe bestimmter Dokumente zum Holocaust lagen mehr als vier Jahre bei der CIA. Der Historiker vermutet, dass die amerikanische "National Security Agency" Dokumente mit einem Umfang von mehreren hunderttausend Seiten noch immer zurückhält.

          REINHARD MÜLLER

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