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Rezension: Sachbuch : Beichte auf Bezugsschein

  • Aktualisiert am

"Reichsdeutsche" Priester im annektierten Westpolen 1939-45

          4 Min.

          Stefan Samerski: Priester im annektierten Polen. Die Seelsorge deutscher Geistlicher in den an das Deutsche Reich angeschlossenen polnischen Gebieten 1939- 1945. Historische Forschungen, herausgegeben von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn 1997. 192 Seiten, 21,- Mark.

          Die vorösterliche Beichte der Polin aus Sierkowitz/Westpreußen war nicht einfach. Im Beichtstuhl saß ein deutscher Priester aus Ostpreußen. Er konnte und durfte kein Schuldbekenntnis auf Polnisch hören, sie wiederum sprach kein Deutsch. Die Lösung: das ausgefüllte Formular eines Beichtspiegels mit den Antwort-Rubriken "Ja", "Nein" und "Wie oft" wanderte von der Poenitentin zum Beichtvater; der absolvierte dann auf Lateinisch. Die Polen nannten das "Beichte auf Bezugsschein". Die Praxis einiger deutscher Priester, ihren polnischen Gläubigen während des Jahres jeden Sonntag ohne Beichte die Generalabsolution für Notfälle zu erteilen, bekam den Namen "Hitlerbeichte".

          Der Seelsorge-Einsatz deutscher Priester in den nach dem Überfall auf Polen 1939 an das Reich angeschlossenen polnischen Gebieten, dem Warthegau, Westpreußen und den Regierungsbezirken Zichenau und Kattowitz war eine zwiespältige Angelegenheit. Die Gebiete hatten vor 1919 großteils zum Deutschen Reich gehört und sollten nun mit äußerster Brutalität wieder germanisiert werden, das heißt durch Ermordung der Eliten und "Eindeutschung" oder Vertreibung der polnischen Bevölkerung. Dazu gehörte zum Beispiel, daß nach dem Ende der Militärverwaltung im Oktober 1939 in Pelplin, dem Sitz der Diözese Kulm, fast das ganze Domkapitel und über 200 Seminaristen sowie ein großer Teil des Klerus von SS, SD und Gestapo erschossen wurden. Die Überlebenden wurden ins KZ verschleppt oder lebten im Versteck.

          Eine Seelsorge für die von den Nationalsozialisten in "Volksdeutsche", "Eingedeutschte" und Polen klassifizierte, freilich mehrheitlich polnische Bevölkerung war damit nicht mehr möglich. Pius XII. setzte noch 1939 den Danziger Bischof Carl Maria Splett als apostolischen Administrator für die Diözese Kulm ein, um die Seelsorge wieder in Gang zu bringen. Im Einvernehmen mit der Gauleitung beredete Splett überlebende polnische Priester, sich in die deutsche "Volksliste" eintragen zu lassen, um so wieder offiziell tätig werden zu können. Zugleich bemühte er sich um Aushilfen aus den Diözesen des "Altreichs". Vor allem in der priesterreichen Diözese Köln ließen sich junge Priester durch die Schilderung der pastoralen Not für eine Mitarbeit gewinnen. Als Werber wirkte hier Karl Geerling, ein im Ersten Weltkrieg hochdekorierter Kölner Diözesanpriester, dem die Germanisierung am Herzen lag. Hinzu kamen vor allem Priester aus dem Ermland und der Apostolischen Prälatur Schneidemühl, die zum Teil auch Polnisch verstanden. Die Rahmenbedingungen waren klar: Nur deutschsprachige Seelsorge war erlaubt, zelebriert wurde ohnehin auf Lateinisch. Im Juni 1940 mußte Bischof Splett auf heftiges Drängen der Nationalsozialisten sogar das Beichthören auf Polnisch untersagen. Die Aushilfen aus dem Altreich wurden zunächst von der Gestapo auf politische Zuverlässigkeit geprüft und anschließend bis in den Beichtstuhl hinein kontrolliert.

          Angesichts dieser Ausgangssituation überrascht es, daß die polnischen Katholiken Zutrauen zu ihren deutschen Geistlichen fassen konnten. Zumindest ergibt sich das aus den nun von Stefan Samerski herausgegebenen Erlebnisberichten von elf dieser Priester, unter ihnen ein "eingedeutschter" Pole. Einige durften auch nach 1945 zunächst bei ihren Gemeinden bleiben, viele bewahrten sich einen herzlichen Kontakt nach Polen und verstanden sich als Wegbereiter der polnisch-deutschen Aussöhnung. Dies konnte anscheinend gelingen, indem sie sich nicht als aktive Germanisierer betätigten und doch eine äußerliche Konformität wahrten. Sie beschränkten sich auf das rein religiöse Gebiet, zumal die Sakramentenspendung, und unterliefen dabei durch vielerlei Tricks das Verbot der polnischen Sprache.

          Bei der Kommunionvorbereitung etwa ließ ein Pfarrer ein Kind seine Worte ins Polnische übersetzen. Zu Beginn des Unterrichts probten die Kinder im Chor nur den Satz "Wir sprechen Deutsch", um für mißtrauische Fragen des protestantischen deutschen Gutsbesitzers gewappnet zu sein. Ein anderer Priester hörte sich bei der Beichte zunächst das Sündenbekenntnis auf polnisch an, wies dann pro forma auf die Pflicht zum deutschen Bekenntnis hin und absolvierte in Kenntnis der Sachlage. Die Beichtkinder verstanden. Polen, denen in den "angeschlossenen" Gebieten die staatliche und damit auch die kirchliche Trauung verboten war, wurden dezent auf die kirchenrechtliche Möglichkeit der Not-Eheschließung vor zwei Zeugen hingewiesen. Bischof Splett flüsterte den Firmlingen auf Polnisch einen Zuspruch ins Ohr. Johannes Zingsheim lernte mit anderen Kölner Priestern heimlich Polnisch und hörte Beichte in dieser Sprache, was ihm vor Weihnachten 1942 einen Zulauf von 2000 Gläubigen eintrug. Als er zugleich einer SS-Blaskapelle die Mitwirkung an der Mitternachtsmesse verbot, wurde er Anfang 1943 ausgewiesen. Der Spielraum blieb also eng, sehr eng.

          Das Wirken der deutschen Priester in den westpolnischen Gebieten stellt rückblickend wohl den Extremfall der Taktik einer "Seelsorge um (fast) jeden Preis" dar, den im "Dritten Reich" die deutsche Bischofskonferenz unter ihrem Senior, dem Breslauer Kardinal Bertram, vor dem Hintergrund der Kulturkampferfahrungen des 19. Jahrhunderts einschlug. Die polnischen Gläubigen scheinen jedoch tatsächlich froh gewesen zu sein, in einer brutalen Zeit wenigstens mit den "Tröstungen der Kirche versehen" zu werden. Ob auch sie, wie viele der deutschen Priester, auf diese Zeit "als die schönste ihres Lebens" zurückblickten, steht zu bezweifeln. Der kritischen Frage, wie sich die biographische Selbstkonstruktion der befragten geistlichen Zeitzeugen historisch überprüfen läßt, kann der Herausgeber Stefan Samerski in seiner Einleitung zum Teil genügen, indem er das spärliche und verstreute Aktenmaterial zum Thema auswertet. Eine Befragung überlebender polnischer Gläubiger könnte hier eine interessante und ergänzende Sicht bieten. HUBERT WOLF

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