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Rezension: Sachbuch : Beichte auf Bezugsschein

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Angesichts dieser Ausgangssituation überrascht es, daß die polnischen Katholiken Zutrauen zu ihren deutschen Geistlichen fassen konnten. Zumindest ergibt sich das aus den nun von Stefan Samerski herausgegebenen Erlebnisberichten von elf dieser Priester, unter ihnen ein "eingedeutschter" Pole. Einige durften auch nach 1945 zunächst bei ihren Gemeinden bleiben, viele bewahrten sich einen herzlichen Kontakt nach Polen und verstanden sich als Wegbereiter der polnisch-deutschen Aussöhnung. Dies konnte anscheinend gelingen, indem sie sich nicht als aktive Germanisierer betätigten und doch eine äußerliche Konformität wahrten. Sie beschränkten sich auf das rein religiöse Gebiet, zumal die Sakramentenspendung, und unterliefen dabei durch vielerlei Tricks das Verbot der polnischen Sprache.

Bei der Kommunionvorbereitung etwa ließ ein Pfarrer ein Kind seine Worte ins Polnische übersetzen. Zu Beginn des Unterrichts probten die Kinder im Chor nur den Satz "Wir sprechen Deutsch", um für mißtrauische Fragen des protestantischen deutschen Gutsbesitzers gewappnet zu sein. Ein anderer Priester hörte sich bei der Beichte zunächst das Sündenbekenntnis auf polnisch an, wies dann pro forma auf die Pflicht zum deutschen Bekenntnis hin und absolvierte in Kenntnis der Sachlage. Die Beichtkinder verstanden. Polen, denen in den "angeschlossenen" Gebieten die staatliche und damit auch die kirchliche Trauung verboten war, wurden dezent auf die kirchenrechtliche Möglichkeit der Not-Eheschließung vor zwei Zeugen hingewiesen. Bischof Splett flüsterte den Firmlingen auf Polnisch einen Zuspruch ins Ohr. Johannes Zingsheim lernte mit anderen Kölner Priestern heimlich Polnisch und hörte Beichte in dieser Sprache, was ihm vor Weihnachten 1942 einen Zulauf von 2000 Gläubigen eintrug. Als er zugleich einer SS-Blaskapelle die Mitwirkung an der Mitternachtsmesse verbot, wurde er Anfang 1943 ausgewiesen. Der Spielraum blieb also eng, sehr eng.

Das Wirken der deutschen Priester in den westpolnischen Gebieten stellt rückblickend wohl den Extremfall der Taktik einer "Seelsorge um (fast) jeden Preis" dar, den im "Dritten Reich" die deutsche Bischofskonferenz unter ihrem Senior, dem Breslauer Kardinal Bertram, vor dem Hintergrund der Kulturkampferfahrungen des 19. Jahrhunderts einschlug. Die polnischen Gläubigen scheinen jedoch tatsächlich froh gewesen zu sein, in einer brutalen Zeit wenigstens mit den "Tröstungen der Kirche versehen" zu werden. Ob auch sie, wie viele der deutschen Priester, auf diese Zeit "als die schönste ihres Lebens" zurückblickten, steht zu bezweifeln. Der kritischen Frage, wie sich die biographische Selbstkonstruktion der befragten geistlichen Zeitzeugen historisch überprüfen läßt, kann der Herausgeber Stefan Samerski in seiner Einleitung zum Teil genügen, indem er das spärliche und verstreute Aktenmaterial zum Thema auswertet. Eine Befragung überlebender polnischer Gläubiger könnte hier eine interessante und ergänzende Sicht bieten. HUBERT WOLF

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