https://www.faz.net/-gqz-31qn

Rezension: Sachbuch : Behandlung zum Tode

  • Aktualisiert am

Angelika Ebbinghaus/Klaus Dörner (Herausgeber): Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Folgen. Aufbau-Verlag, Berlin 2001. 380 Seiten, 49,90 Mark.Dieses Buches verdankt seine Entstehung einer Edition über die Nürnberger Ärzteprozesse, die im Auftrag der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts herausgegeben wurde.

          Angelika Ebbinghaus/Klaus Dörner (Herausgeber): Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Folgen. Aufbau-Verlag, Berlin 2001. 380 Seiten, 49,90 Mark.

          Dieses Buches verdankt seine Entstehung einer Edition über die Nürnberger Ärzteprozesse, die im Auftrag der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts herausgegeben wurde. Um die Dokumente publizieren zu können, hatten die Herausgeber 1995 alle deutschen Ärztinnen und Ärzte mit der Bitte um Unterstützung angeschrieben, da die Bundesärztekammer sich dazu nicht in der Lage sah. Das hohe Spendenaufkommen ermöglichte es, daß sowohl eine deutsche als auch eine englische Quellenedition erscheinen konnte. Im Rahmen der Arbeiten wurde das Material zahlreicher Archive gesichtet und eine Reihe von Diskussionen mit Fachleuten im In- und Ausland geführt. Die Ergebnisse wurden in einer öffentlichen Ringvorlesung vorgestellt, die jetzt als Buch vorliegt.

          Michael H. Kater faßt seine bisherigen Untersuchungen zur sozialen Lage der Ärzteschaft prägnant zusammen. Er bezieht die wirtschaftliche Lage der Ärzte in der Weimarer Republik ein, die insbesondere für jüngere Ärzte oft katastrophal war. Während ältere Ärzte etabliert in ihrer Kassenarztpraxis tätig waren, mußten Jungärzte oft ein bis zwei Jahre mit berufsfremder Arbeit überbrücken, bis sie eine Zulassung als Kassenarzt erhielten. Diese besondere Art von Generationenkonflikt konnten die Nationalsozialisten geschickt für sich ausnützen. Da jüdische Ärzte ab 1933 aus ihrem Beruf verjagt wurden, konnte 1938 praktisch eine Vollbeschäftigung der Ärzte erreicht werden.

          Diese materiellen und sozialen Grundlagen waren es nicht allein, welche den Nationalsozialismus für Ärzte attraktiv erscheinen ließen. Alfons Labisch geht auf die geistesgeschichtlichen Wurzeln der Medizin des NS-Staates ein. Nahezu seit es eine schriftlich überlieferte Medizin gibt, schwankte diese zwischen reiner Praxis (Empirismus) auf der einen Seite und Theorie (Dogmatismus) auf der anderen. Obwohl Theorie und Praxis beide in der Medizin benötigt werden, ergab sich im 19. Jahrhundert ein Übergewicht der Theorie in der Medizin. Aus primär wissenschaftlichen Ansätzen entwickelte sich eine gesellschaftspolitische Utopie einer gesunden Gesellschaft, die unter anderem auch durch eugenische Maßnahmen erreicht werden sollte. Die Abwendung der Ärzte von dem individuellen Leiden eines Patienten auf der einen Seite und ihre Hinwendung zu gesundheitspolitisch-präventiven Maßnahmen auf der anderen führte zu einem Paradigmenwechsel in der Medizin, die in der unmenschlichen Medizin des Nationalsozialismus endete. Konkrete Vorschläge für eugenische Maßnahmen existierten zum Teil aber auch außerhalb des nationalsozialistischen Einflußbereiches. Labisch argumentiert überzeugend, daß Teile des Gedankengutes der NS-Medizin als ein Bestandteil des Projekts der Moderne anzusehen sind.

          Auf die Problematik von Menschenversuchen in der Medizin geht Rolf Winau ein. Die ersten systematischen Versuche an Menschen wurden 1747 durchgeführt, um die Wirksamkeit von Zitrusfrüchten bei der Behandlung von Skorbut zeigen zu können. Für die heutige Zeit bemerkenswert ist die Tatsache, daß die Teilnehmer an diesem Versuch keine Freiwilligen waren - eine Denkkategorie, die zu jener Zeit, als dem Arzt noch zugebilligt wurde, zu wissen, was gut für den Patienten sei, noch gar nicht existierte. Die Notwendigkeit der Freiwilligkeit der Versuchsteilnehmer von medizinischen Experimenten wurde erstmals 1880 von dem Greifswalder Pharmakologen Hugo Schulz postuliert. Dieses Prinzip wurde aber selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht durchgehend befolgt. Sogar während der Weimarer Republik gab es einige Fälle von Experimenten am Menschen, bei denen diese nicht um ihre Zustimmung gebeten worden waren. Diese Vorfälle wurden sogar im Reichstag diskutiert. Es gab also auch schon vor den Nürnberger Prozessen Verhaltenskodices, die eine klare Stellungnahme zu Versuchen an Menschen abgaben. Warum diese so wenig oder gar nicht beachtet wurden, ist bis heute ungeklärt.

          Grausame und wissenschaftlich wertlose kriegschirurgische Experimente zur Heilung von infizierten Wunden wurden in den KZs Ravensbrück, Dachau und Auschwitz durchgeführt. Besonders eindrucksvoll schildert Angelika Ebbinghaus die Welten der Täter und Opfer dieser Experimente. Sogar noch nach dem Krieg und den Ärzteprozessen waren fast alle Täter unfähig, die Opfer ihrer Experimente als Menschen wahrzunehmen, die unter den von ihnen angestellten Versuchen zu leiden hatten.

          Patientenmorde beschreibt Hans-Walter Schmuhl am Beispiel der Tötung von Geisteskranken (sogenannte T4-Aktion). Er arbeitet die verschiedenen Täterprofile heraus, die an dieser Aktion beteiligt waren. Während er Viktor Brack als alten Kämpfer schildert, der bereits 1923 der Partei beitrat und machthungrig und gewissenlos als Schreibtischtäter Hunderttausende in den Tod schickte, zeichnet Schmuhl ein ganz anderes Bild von Karl Brandt. Dieser schloß 1928 in Alter von nur 24 Jahren sein Medizinstudium mit Promotion ab und trat erst 1932 der NSDAP bei. Er war ein belesener, intelligenter und eloquenter Überzeugungstäter, der stundenlang mit dem Leiter der Betheler Anstalten Pastor Fritz von Bodelschwingh über das Euthanasieprogramm diskutieren konnte. Dieser war von der persönlichen Integrität Brandts so überzeugt, daß er nach dessen Verurteilung ein Gnadengesuch schrieb, daß das Todesurteil nicht vollstreckt werden möge. Durch diese Schilderung legt Schmuhl überzeugend dar, daß Brandt der Hybris der Medizin im "Dritten Reich" erlegen war.

          Schließlich wird sich mit dem Komplex "Medizin und Ethik" und den Folgen des Ärzteprozesses beschäftigt. Hier erschreckt insbesondere die Reaktion der etablierten westdeutschen Mediziner auf den deutschen Sachverständigen des Prozesses, Werner Leibbrand, der praktisch zum Außenseiter des Medizinbetriebes wurde. Ähnlich erging es den Berichterstattern Alexander Mitscherlich und Fred Mielke; die erste Auflage ihres Buches über die Ärzteprozesse wurde in den ersten Nachkriegsjahren aufgekauft und praktisch nicht weiterverbreitet. Unter diesen Eindrücken erscheint es verständlich, warum das vorliegende Buch erst jetzt mit dem genügenden historischen Abstand erscheinen kann.

          Das Thema der Verführbarkeit des menschlichen Verstandes, Dinge zu tun und zu lassen, die machbar sind, aber einer ethischen Überprüfbarkeit nicht standhalten, taucht immer wieder als Problem in den einzelnen Beiträgen auf. Dieses Problem erscheint heute im neuen Gewand der Präimplantationsdiagnostik, der Forschung an embryonalen Stammzellen, der Abtreibung und der lebensverlängernden Maßnahmen an Intensivstationspatienten sowie bei Alterspatienten mit Demenz. Um eine kritische und der Situation angemessene Diskussion führen zu können, muß man die besondere historische Dimension und Verantwortung Deutschlands verstehen, um dann Argumente von Scheinargumenten trennen zu können. Um diese Dimension zu verstehen und das Nachdenken über ethisches ärztliches Handeln anzuregen, kenne ich kein besseres Buch als das vorliegende.

          UDO SCHUMACHER

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Handelsstreit : Washington verschiebt Zollerhöhung für Waren aus China

          Nachdem Peking die Strafzölle gegen amerikanische Autohersteller ausgesetzt hat, gehen auch die Vereinigten Staaten wieder einen Schritt auf China zu: Die Schutzzölle auf chinesische Güter sollen nun erst am 2. März 2019 angehoben werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.