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Rezension: Sachbuch : Bart und Bombe

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Eine Studie über den islamistischen Terrorismus

          Edgar O'Ballance: Islamic-Fundamentalist Terrorism, 1979-1995. The Iranian Connection, New York University Press, New York 1997, 228 Seiten, Leinen, 40 US-Dollar.

          O'Ballance zitiert den ehemaligen Nato-Generalsekretär Claes mit dem Satz, daß "die islamische Militanz die neue Bedrohung für die westliche Sicherheit nach dem Zusammenbruch des Kommunismus" darstelle, er wehrt sich jedoch zugleich gegen den Vorwurf, zu einem "Feindbild Islam" beizutragen. Er erinnert an die Entscheidung der islamischen Staatschefs der 52 Mitgliedsländer der Organisation der Islamischen Konferenz/OIC auf ihrem Gipfel in Rabat von Dezember 1994, den im Namen des Islam verübten Terrorismus zu verurteilen. Nur zwei Länder, Iran und der Sudan, waren gegen diese Resolution. Eines dieser Länder, Iran, ist nach dem Befund von O'Ballance die Quelle und der Hauptmotor für den "islamischen fundamentalistischen Terrorismus", weil es seit der "Islamischen Revolution" auf allen Ebenen die "Connection" für weltweite terroristische Aktivitäten von islamistischen Militanten biete. Der Westen scheint nach O'Ballance dieses Phänomen und die Rolle Irans als Drehscheibe nicht zu verstehen und auch nicht zu begreifen, daß "Demokratie, Toleranz und Kompromisse nicht zu den Belangen des islamischen Fundamentalismus gehören". Auch sicherheitspolitisch sei der Westen auf den im Namen des Islam verübten Terrorismus nicht vorbereitet: "Keiner der westlichen Staaten möchte sich in einen solchen Kampf verwickeln lassen. Die allgemeine Einstellung . . . ist Vorsicht und Zurückhaltung . . . in der Hoffnung, daß es sich um eine vorübergehende Erscheinung handelt."

          Iran, das nach den detaillierten und fundierten Belegen von O'Ballance eindeutig hinter dem "fundamentalistischen Terrorismus" steht, betreibt eine Doppelstrategie, indem es sich in öffentlichen Verlautbarungen vom Terrorismus distanziert und entsprechende Vorwürfe zurückweist. Das entspricht der religiösen Praxis der schiitischen Taqiyya (Entstellung und Verheimlichung der eigenen Absichten). Wie O'Ballance ausführt, besitzen westliche Sicherheitsdienste eindeutige Beweise, die das Gegenteil der iranischen Zusicherungen belegen. Aber westliche Staaten unternehmen nichts gegen "The Iranian Connection". Ja im Gegenteil, O'Ballance zeigt, daß es vor dem Mykonos-Prozeß eine Zusammenarbeit zwischen deutschen und auch französischen Geheimdiensten mit Iran gegeben hat: "Als der iranische Geheimdienstchef Ali Fallahyan Deutschland besuchte, wurde ihm die Lieferung von Spionage-Ausrüstung zugesagt . . . Auch übergab man ihm Listen über iranische Dissidenten im deutschen Exil . . . Als Gegenleistung versprach Fallahyan, keine terroristischen Aktionen auf deutschem Boden unternehmen zu lassen."

          O'Ballance vermittelt eine genau recherchierte Geschichte der "Iranian Connection". Nach dem Sturz des Schahs wurde sein von CIA und Mossad aufgebauter Geheimdienst durch ein Netz neuer islamistischer Geheimdienste mit einem eigens errichteten Ministerium für Sicherheit der Islamischen Republik ersetzt. Der Wirkungsbereich dieser neuen Institution ist weltweit. Es geht darum, den Anspruch der islamischen Revolution in Iran auf universelle Geltung für alle Muslime umzusetzen. O'Ballance zeigt detailreich, wie Iran terroristische Aktivitäten islamischer Fundamentalisten, vor allem in Ägypten und Algerien sowie in den israelisch besetzten Gebieten Palästinas, finanziell und auch durch Ausbildung fördert. Es wird im einzelnen belegt, daß diese oft sunnitischen Bewegungen die Hilfe annehmen. O'Ballance weiß aber als Kenner der Region, daß die sunnitischen Muslime den schiitischen Führungsanspruch zurückweisen. Daher ist der loyalste Partner Irans die schiitische Hizbullah im Libanon, die als wichtigstes Vollzugsorgan der "Iranian Connection" nicht nur im Libanon, sondern weltweit gilt. Die anderen fundamentalistischen Bewegungen sind nur Verbündete auf Zeit.

          Das Buch schließt mit allgemeinen Ausführungen zum Terrorismus. Vor der "Iranian Connection" waren terroristische Bewegungen stets in den Ost-West-Konflikt einbezogen, sie wurden entweder von den Vereinigten Staaten oder der Sowjetunion im Rahmen von Stellvertreterkriegen instrumentalisiert. "Seit der iranischen islamischen Revolution hat sich das Muster des Terrorismus im Nahen Osten entscheidend verändert. O'Ballance meint, daß der "islamische fundamentalistische Terrorismus" keine vorübergehende Erscheinung sei.

          So kenntnisreich und informativ O'Ballance' Studie auf der Ebene der Sicherheitsfragen ist, so bedauerlich ist es, daß er den Fundamentalismus auf den "Terrorismus" und auch auf die "Iranian Connection" einengt. Fundamentalisten sind zwar keine Demokraten, aber nicht alle unter ihnen sind Terroristen. In der Türkei, in Malaysia und in Jordanien gibt es Fundamentalisten, die in den Institutionen arbeiten, mit Hemd und Krawatte, ohne Bart und ohne Bombe in der Hand. BASSAM TIBI

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