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Rezension: Sachbuch : Ballastmenschen

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Heinz Faulstichs umfangreiche Untersuchung über das "Hungersterben" in psychiatrischen Anstalten

          Heinz Faulstich: Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949. Mit einer Topographie der NS-Psychiatrie. Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau 1998. 756 Seiten, 80,- Mark.

          Die Vergasungen von Geisteskranken und Behinderten während der NS-Zeit sind in verschiedenen Veröffentlichungen umfassend gut dokumentiert worden. Hingegen ist weniger bekannt, daß das nur eine besonders brutale Form der Beseitigung von Geisteskranken darstellte; viele Insassen von psychiatrischen Kliniken in Deutschland sind verhungert: Zehntausende, wie dieses Buch dokumentiert, während, vor und sogar noch nach der NS-Zeit.

          Faulstich schildert, wie das Hungersterben in der deutschen Psychiatrie schon im Ersten Weltkrieg begann. Das Reich hatte, wie die anderen kriegführenden Mächte, keinerlei Vorsorge für einen länger andauernden Krieg getroffen. Schon in den ersten beiden Kriegsjahren war die Ernte schlecht, aber 1916 gab es nur mehr wenig Getreide und kaum noch Kartoffeln: Es kam der sogenannte Steckrübenwinter für eine ohnehin schon schlecht ernährte Bevölkerung. Die Frankfurter etwa mußten Anfang 1917 mit 1000 Kalorien pro Tag auskommen. Die Sterblichkeit bei Kindern und Alten nahm zu. Das ging so weit, daß schließlich Altersheime geschlossen wurden.

          Kälte und Krankheiten.

          Wie Faulstich überzeugend darlegt, war der Nahrungsmangel für die Insassen psychiatrischer Anstalten katastrophaler als für die Allgemeinbevölkerung, da sie sich über die zugeteilten Rationen hinaus keine Lebensmittel besorgen konnten. Die schlechte Ernährung war aber nicht die einzige Kriegsfolge in der Anstaltspsychiatrie: Pflegepersonal wanderte auf besser bezahlte Stellen in der Rüstung ab, Ärzte wurden in Lazarette abgezogen. Da Kohlemangel vorlag, wurden die Unterkünfte dichter mit Patienten belegt, um Heizkosten zu sparen.

          Dadurch stieg die Anfälligkeit für übertragbare Erkrankungen, die sich in erster Linie in einer erschreckenden Zunahme der Tuberkulosetoten zeigte. Bakterielle Ruhr und, während der großen Epidemie im Oktober 1918, Grippe rafften die Menschen dahin. Vergleicht man die Sterbezahlen der Anstalten vor und während des Krieges, so ergibt sich, daß während der Kriegsjahre zusätzlich über 70 000 Anstaltsinsassen verstorben sind. Dabei arbeitet Faulstich sauber heraus, daß diese kriegsbedingten Opfer nicht gleichmäßig über alle Anstalten in Deutschland verteilt waren, sondern daß große regionale Unterschiede existierten. Diese Unterschiede zahlenmäßig so genau zu erfassen und darzulegen zeugt von exakter Recherche. Der außergewöhnlich sorgfältige und kritische Umgang mit den Statistiken läßt auf eine intellektuelle Redlichkeit schließen, die leider nicht bei allen Publikationen zu diesem Thema zu finden ist.

          Lebenswert.

          Mit dem Krieg war die erhöhte Sterblichkeit jedoch nicht zu Ende, sondern erreichte erst 1921/22 etwa das Vorkriegsniveau, um dann, durch die Staatsverarmung bedingt, wieder anzusteigen. Die deutschen Psychiater und Anstaltsverwalter bewerteten das Hungersterben - wenn das Thema überhaupt angeschnitten wurde - als kriegsbedingt. Wenn überhaupt "Schuld" zugewiesen wurde, dann der Blockade der Alliierten. Bemerkenswert ist aber, daß sich einzelne Anstaltsdirektoren auch schon während des Krieges gegen die Mangelversorgung aufgelehnt haben; sie finden eine spezielle Erwähnung in Faulstichs Buch.

          Das einmal durch den Ersten Weltkrieg angestoßene Nachdenken über den Lebenswert der Geisteskranken verselbständigte sich nach dem Kriege und wurde durch sozialdarwinistische, völkische und ökonomische Lesarten vorangetrieben. In dieser Zeit tauchten Vorschläge auf, sich der "Ballastexistenzen" zu entledigen. Bedingt durch erhöhte Sozialausgaben der Weimarer Republik fanden diese Spardiskussionen schon vor der Weltwirtschaftskrise statt, ab 1931 kam es zu massiven finanziellen Kürzungen im Etat der Anstalten, die indes nicht zu einer belegbar erhöhten Sterblichkeit führten. Die Sparmaßnahmen wurden in der Vorkriegszeit von den NS-Machthabern so weitergeführt, daß die Nahrung für die Anstaltsinsassen ab 1937 auf das Existenzminimum beschränkt wurde.

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