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Rezension: Sachbuch : Baedeker für Schlachtfelder

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Das Buch zur Dokumentarserie der BBC

          Richard Holmes: War Walks. From Agincourt to Normandy. BBC Books, London 1996. 224 Seiten, Abbildungen und Karten, 16,99 Pfund.

          Für einige britische Militärhistoriker und die letzten Veteranen der "Operation Goodwood" ist die große Kesselschlacht "unter den Apfelbäumen der Normandie" längst zum nationalen Mythos geworden und fast so berühmt wie Waterloo. Sie fand vom 18. bis zum 20. Juli 1944 nicht weit von der Atlantikküste bei Caen und Falaise statt und führte zur Vernichtung etlicher deutscher Panzerdivisionen. Wie es sich für eine heroische Legende gehört, wird auch dem tapferen Gegner gebührend Lob erteilt. Bei uns gedenkt man wohl noch gelegentlich der Studenten von Langemarck, die anno 1914 singend in den Tod liefen - die blutjungen Soldaten der SS-Panzerdivision "Hitlerjugend" aber, die dreißig Jahre später bei Caen massenhaft fielen oder, genauer gesagt, in ihren Panzern verbrannten, sind hierzulande längst vergessen. Nur die Engländer staunen noch immer darüber, mit welchem fast unbegreiflichen Todesmut diese jungen Deutschen der Übermacht tagelang standhielten.

          Im vorliegenden Begleitbuch zu einer Fernsehserie der BBC, die über historische Schlachtfelder in Nordfrankreich und Belgien führt, ist mit britischer Fairneß von der überlegenen Kampferfahrung der deutschen Soldaten die Rede. Wären nicht die Bomberflotten gewesen, die den in der Normandie gelandeten Engländern und Amerikanern buchstäblich den Weg bahnten, hätte die Wehrmacht vielleicht die Invasion verhindern können, schreibt Richard Holmes. In den idyllischen Badeorten an der Atlantikküste und den Dörfern und Städten des Calvados mußten bei den pausenlosen Bomdardements der Alliierten Tausende von Franzosen sterben. Die Küstenregion und das Hinterland mit uralten Städten wie Caen oder Falaise wurden von den Bombenteppichen vollständig verwüstet. Doch beim Einrücken der Befreier standen die Überlebenden vor den rauchenden Trümmern und winkten den Engländern und denAmerikanern freundlich zu: Vier Jahre deutsche Besatzung hatten genügt, um als Preis der Freiheit selbst dieses Opfer hinzunehmen.

          Militärisch gesehen hatten die Deutschen - so Holmes - in der Normandie zwei Trümpfe in der Hand, von denen man noch heute auf britischen Kriegsakademien mit Respekt spricht: Es sind der 55 Tonnen schwere Mammutpanzer "Tiger", der fast allen alliierten Panzern überlegen war, und die legendäre 8,8-Zentimeter-Flak-Kanone, die im direkten Beschuß gegen Panzer eingesetzt wurde. Ihre Reichweite und Durchschlagskraft machte sie, neben der Panzerfaust, zu der am meisten gefürchteten deutschen Waffe des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Attentat vom 20. Juli - an jenem Tag war die "Operation Goodwood" gerade siegreich beendet worden - sprach Hitler immer wieder vom Verrat in den eigenen Reihen. Er ahnte nicht, daß die Briten den deutschen Geheim-Code besaßen und mit einer erbeuteten "Enigma"-Dechiffriermaschine Funksprüche der Wehrmacht entschlüsseln konnten. Das hatte auch für die deutschen Truppen in der Normandie verheerende Folgen: General Sir Bernard Montgomery, der von einem Wohnwagen inmitten einer Obstplantage die britischen Operationen leitete, wußte oft schon vorher, welche Befehle seine deutschen Gegenspieler erteilen würden.

          Die "Kriegs-Spaziergänge" der BBC, die sich in England merkwürdigerweise großer Popularität erfreuen, sind als Leitfaden für Briten gedacht, die zum Beispiel nach achtzig Jahren das "Battlefield" an der Somme besichtigen wollen. Es wird genau angegeben, welche Kanal-Fähre und welche französischen Autostraßen man am besten benutzt, um möglichst schnell und bequem auf das weitläufige Terrain zu gelangen, wo von Juli bis November 1916 die Somme-Schlacht stattfand.

          Der kulturgeschichtliche und soziologische Aspekt all dieser Kriegstragödien fehlt hier weitgehend. Das spektakuläre Schlachtpanorama bleibt mehr oder minder vordergründig, und die zeitgenössischen Augenzeugenberichte sind oft nicht prägnant genug formuliert, um Betroffenheit auszulösen. Verblüffend dürftig sind die in diesem Band benutzten deutschen Quellen. Unbegreiflich etwa, daß der Autor bei der Schilderung der Somme-Schlacht versäumt, Ernst Jüngers Buch "In Stahlgewittern" zu erwähnen. Oder kennt er es nicht?

          Man hat es hier also mit einer Art von militärhistorischem "Baedeker" zu tun, der für das englische Fernsehpublikum geschrieben wurde. In Deutschland dürfte man damit kaum etwas anzufangen wissen. Nach zwei verlorenen Weltkriegen sind bei uns Schlachtfelder und Schlachtenruhm gottlob kein populäres Thema mehr. HENNING SCHLÜTER

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