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Rezension: Sachbuch : Axels Tick

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Eine Biographie des Verlegers Springer

          2 Min.

          Michael Jürgs: Der Fall Axel Springer. Eine deutsche Biographie. List Verlag, München und Leipzig 1995. 440 Seiten, Abbildungen, 44,- Mark.

          Zum zehnten Todestag Axel Springers am 22. September 1995 schrieb sein Vertrauter Ernst Cramer, noch niemand habe eine gültige Antwort auf die Frage gefunden: "What made Axel Springer tick? Was trieb ihn an?" Für Michael Jürgs ist die Antwort freilich klar. Er stellt in seiner neuen Biographie religiöses Sendungsbewußtsein als Triebkraft des Verlegers heraus und malt ihn als einen Missionar.

          Für die Jahre nach 1953, als der Aufbau des Zeitungsverlages weitgehend abgeschlossen war, konstatiert Jürgs bei Springer einen geradezu schizophrenen religiösen Schub. Zeitweilig habe er sich damals sogar für Jesus gehalten. Kaum war das vorbei - so Jürgs -, wandelte sich Springers Glaube, eine religiöse Mission erfüllen zu müssen, in die Gewißheit, daß eine politische Mission auf ihn warte. 1958 reiste er nach Moskau in der festen Überzeugung, den Russen die deutsche Wiedervereinigung abhandeln zu können - ein Ziel, das Adenauer drei Jahre zuvor nicht erreicht hatte. Auch Springers Versuch mißlang - wen wundert es. Aber das Scheitern prägte fortan seine politischen Ansichten, die er durch die Zeitungen seines Verlages massenhaft verbreiten ließ: Feindschaft gegenüber der Sowjetunion, Antikommunismus und Kampf gegen die politische Linke - vor allem gegen Intellektuelle und Studenten.

          Auch von der Forderung nach der deutschen Wiedervereinigung ließ Springer (und ließen seine Zeitungen) nicht ab. Jürgs zeigt deutlich, daß der Verleger stets davon überzeugt blieb, eine besondere Mission zu erfüllen. In diesem Glauben unterstützten ihn Astrologen, deren Rat er meist blindlings befolgte. Außerdem fühlte er sich durch seine Leser bestätigt.

          Das Weltbild Axel Springers erhielt in den sechziger Jahren noch eine wichtige Ergänzung: Der Verleger entdeckte seine Liebe zu Israel. Im Gelobten Land fühlte er sich verstanden; dort fand er die öffentliche Anerkennung, die er in Deutschland kaum noch erhielt. Das geteilte Jerusalem spiegelte für ihn die Teilung Berlins und Deutschlands wider, und durch hohe Geldspenden bekannte er sich zur Sühne der nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden. Zusätzlich konnte er sich mit seiner Unterstützung Israels vom politischen Kurs der DDR abgrenzen, da Ost-Berlin eher auf seiten der Palästinenser stand. Die Bedeutung Israels für Springers Weltbild wird von Jürgs nur zum Teil herausgearbeitet. Er sieht in erster Linie die selbstlose finanzielle und publizistische Hilfe Springers für den jüdischen Staat, die über jede Kritik erhaben sei.

          Jürgs führt die Antriebskraft Springers ausschließlich auf dessen Glauben an seine besondere Mission sowie auf religiöse und politische Wahnvorstellungen zurück. Hinter vielen Handlungen des Verlegers stand aber ganz profan Streben nach Gewinn und Macht. In der Aufbauphase seines Verlages kam er mit den politisch Einflußreichen stets blendend aus. Anfangs gab er sich anglophil und demokratisch, bis die Briten ihm Lizenzen für drei Verlage und fünf Publikationen gegeben hatten; andere Verleger mußten sich dagegen mit nur einer Lizenz begnügen. Später schien er der SPD nahezustehen, denn die Hamburger SPD war für die weitere Lizenzierung zuständig. Seit den sechziger Jahren unterstützte er jedoch die CDU, da er sich dank seiner überregionalen Zeitungen davon politischen Einfluß versprach - laut Jürgs allerdings ging dieser Plan nicht auf.

          Politische Analyse gehört nicht unbedingt zu den Stärken des Buches. Der Autor läßt sich überwiegend von der Frage nach Springers Triebkraft leiten und konzentriert sich deshalb hauptsächlich auf persönliche Aspekte. Unter diesem Blickwinkel bietet das ausgezeichnet recherchierte Buch eine spannende und unterhaltsame Lektüre. GUDRUN KRUIP

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