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Rezension: Sachbuch : Aus dem Reich der "edlen Wilden"

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Ein umfassendes Handbuch über die deutschen Kolonien in der Südsee 1884 bis 1914

          4 Min.

          Hermann Joseph Hiery (Herausgeber): Die deutsche Südsee 1884-1914. Ein Handbuch. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2001. 930 Seiten, 198,- Mark.

          Die deutschen Südseekolonien sind ein wenig beachtetes Feld der Kolonialforschung. Schon den Zeitgenossen erschien der zwischen 1884 und 1899 unter die direkte Verwaltung des Deutschen Reiches gestellte Streubesitz zu weit entfernt und zu unbedeutend. Nur rund 5000 Deutsche hielten sich bis 1918 dauerhaft an der Peripherie der Südsee auf. Zur Siedlungskolonie ist keines der deutschen Territorien im Pazifik je geworden. Wirtschaftlich erfüllten sie nicht die hochgesteckten Erwartungen der Kolonialapologeten, denn noch bei Kriegsausbruch im Jahre 1914 betrug der gesamte deutsche Handel mit allen Südseebesitzungen bedeutend weniger als ein Prozent des Außenhandels.

          Hermann Joseph Hiery legt nun ein umfangreiches Handbuch vor. Das erste Kapitel geht allgemein auf die Beziehungen zwischen der Südsee und Deutschland ein. Am Beispiel der Schiffsverbindungen und der Nachrichtenvermittlung wird aufgezeigt, daß die pazifischen Besitzungen auch kommunikationstechnisch ein Stiefkind der deutschen Überseepolitik waren.

          Die weiteren Kapitel folgen der bis heute gängigen Einteilung in Melanesien, Mikronesien und Polynesien. Melanesien, das aus Nordostneuguinea (Kaiser-Wilhelms-Land), dem Bismarckarchipel mit den Inseln Neumecklenburg, Neulauenburg und Neupommern, sowie den nordwestlichen Salomonen bestand, wurde bis 1899 durch eine Kolonialgesellschaft, die Neuguinea-Kompagnie, verwaltet. Sie unterhielt Tabakplantagen.

          Was in der Berliner Zentrale konzipiert wurde, erwies sich vor Ort oft als weltfremd und undurchführbar. Unfähige, unwillige und den Tropenkrankheiten schutzlos ausgesetzte Angestellte taten ihr übriges. Die Beziehungen zwischen Melanesen und Europäern waren geprägt durch Gewalttaten aller Art. 1899 war das Experiment gescheitert, die Neuguinea-Kompagnie mußte die Landeshoheit wieder an das Reich abtreten. Die Verhältnisse begannen sich erst zu bessern, als im Jahre 1902 Albert Hahl Gouverneur wurde, nach Hiery "vielleicht sogar der beste Kolonialbeamte, den Deutschland besaß". Hahl setzte einheimische Verwaltungsbeamte - sogenannte Luluai - ein, die innermelanesische Streitfälle schlichteten. Ein Netz von Regierungsstationen sollte die Erschließung der Kolonie fördern.

          Mikronesien, das aus den Inselgruppen der Marianen, der Karolinen und der Marshallinseln bestand, war Deutschlands entlegenste Kolonie. Dort entwickelte sich ein von der deutschen Jaluit-Gesellschaft geförderter geringer Handel mit Kopra, dem getrockneten Fruchtfleisch der Kokosnuß, das in Europa zu Kokosöl verarbeitet wurde. Nach der Jahrhundertwende kam der Export von Phosphat hinzu. Bescheiden war auch die Verwaltung in Mikronesien. Wenn einer der 25 Kolonialbeamten die Nachbarinseln inspizieren wollte, war er auf den Besuch eines Handels- oder eines deutschen Kriegsschiffes aus dem entfernten Marinestützpunkt Tsingtau in China angewiesen.

          In Polynesien erwarb das Deutsche Reich 1899 mit dem westlichen Teil Samoas seine letzte Kolonie. Dort gelang es dem langjährigen Gouverneur Wilhelm Solf, "der unter allen deutschen Kolonialbeamten unumstritten als der beste und intimste Kenner einheimischer Kulturen angesehen wurde" (Hiery), die Vorstellung eines Eingeborenenreservates umzusetzen, ohne den Dominat der deutschen Kolonialherrschaft grundsätzlich in Frage zu stellen. Zu den amtlich privilegierten Reservatrechten zählten die generelle Befreiung der Samoaner von Arbeitsleistungen bei europäischen Unternehmen und ein weitgehender Schutz des Landes vor dem Zugriff von Europäern, deren Zuwanderung Solf begrenzte.

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