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Rezension: Sachbuch : Aufladung bis zur Lynchstimmung

  • Aktualisiert am

Hans Mathias Kepplinger: Die Kunst der Skandalierung und die Illusion der Wahrheit. Olzog Verlag, München 2001, 176 Seiten, 36,- Mark.Skandale, Skandale - und kein Ende. Dem Wortsinn nach bedeutet Skandal: anstößiges Ereignis, aber auch Lärm darüber. Der Mainzer Publizistikwissenschaftler Hans Mathias ...

          Hans Mathias Kepplinger: Die Kunst der Skandalierung und die Illusion der Wahrheit. Olzog Verlag, München 2001, 176 Seiten, 36,- Mark.

          Skandale, Skandale - und kein Ende. Dem Wortsinn nach bedeutet Skandal: anstößiges Ereignis, aber auch Lärm darüber. Der Mainzer Publizistikwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger ist davon überzeugt, daß der Krach stärker zugenommen hat als die Verwahrlosung der Sitten in Politik und Gesellschaft. Die Skandalierung schüre zunehmend Mißtrauen nicht nur gegenüber handelnden Personen, sondern auch gegenüber Institutionen, warnte er in seinem Buch "Die Demontage der Politik in der Informationsgesellschaft". Journalisten rechtfertigen jede Skandalierung damit, daß sie Mißstände aufdecken müßten; denn nur offenbarte Mißstände würden beseitigt, und nur deren Beseitigung reinige die Demokratie. Das wird von Fall zu Fall tatsächlich zutreffen. Aber wenn Skandalierung zum Tagesgeschäft würde, nähme die Gesellschaft Schaden. Von dieser Grundannahme geht der präzise Aufklärer Kepplinger in seinem Buch "Die Kunst der Skandalierung und die Illusion der Wahrheit" aus.

          Nicht jeder Mißstand wächst sich zum Skandal aus, und nicht jeder Skandal beruht auf einem Mißstand. Bei der Skandalierung kommt es oft nicht auf Wahrheit an, sondern auf Wirkung. Zwar sind es nur selten Presse und Fernsehen, die den Anstoß für eine Kampagne geben; aber sie entscheiden über den Erfolg. Dabei verbinden sich jene vier Wirkungsgesetze zu höchster Schlagkraft, die der Nestor der Publizistikwissenschaft, Emil Dovifat, schon in seiner "Zeitungslehre" genannt hatte: lineare Vereinfachung, gefühlsmäßige Steigerung, publizistische Monopolisierung und ständige Wiederholung. Lineare Vereinfachung wird durch Personalisierung erreicht. Kepplinger beruft sich auf Inhaltsanalysen, die nachweisen, daß die an der Kampagne beteiligten Massenmedien Mißstände und Fehlentwicklungen dem Fehlverhalten der handelnden Personen zuschreiben, nicht aber widrigen Umständen oder dem Einfluß fremder, unbeeinflußbarer Kräfte.

          Gefühlsmäßige Steigerung ergibt sich aus moralischer Aufladung. Jede Skandalierung unterstellt den kritisierten Personen, daß sie aus niedrigen Motiven zum eigenen Vorteil oder doch zum Nutzen ihrer oder ihnen nahestehender Partei, ihres Betriebs handeln. Der dadurch der Allgemeinheit zugefügte Schaden wird so grell und so groß wie möglich ausgemalt. Damit wird Empörung provoziert, die sich bis zur Lynchstimmung steigern kann, wenn sich alle oder doch die meisten Medien an der Kampagne beteiligen. In der Regel gibt es nur wenige Wortführer (Kepplinger macht jeweils fünf, höchstens zehn Journalisten aus), aber viele Mitläufer. Entgegengesetzte Wirkungen müssen tunlichst vermieden werden (Monopolisierung). Informationen, die die Schuld oder die Beschuldigungen relativieren könnten, werden hintangestellt oder unterdrückt, Verteidiger des (der) Beschuldigten herabgesetzt oder mundtot gemacht. Um ständige Wiederholung zu erreichen, muß, scheinbar paradox, immer wieder Neues aufgedeckt werden, das das Altbekannte so oft wie möglich in die Medien transportiert und den Kernverdacht zu bekräftigen scheint: Jeder Skandal hat viele "publizistische Anbauten".

          Mancher Skandal wirkt im Rückblick nicht mehr so einseitig wie bei seiner Inszenierung (die Machenschaften des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Barschel gegen seinen angeblich ahnungslosen Herausforderer Engholm, 1987), manche Missetat erscheint später verzeihlich (die Empfehlungsschreiben von Wirtschaftsminister Möllemann, 1993), manche Vorwürfe brechen sogar völlig in sich zusammen (die angebliche Ermordung eines Sebnitzer Jungen durch Rechtsradikale und deren fälschlich unterstellte Duldung durch die Bevölkerung). Im Sinne der Wirkung braucht die Anklage nur bis zur Entscheidung (Rücktritt, Wahl, Sturz eines Denkmals) glaubhaft zu sein; Wiedergutmachung erfolgt nicht. Meist wird sie nicht einmal angestrebt.

          Ob man etwas als Skandal empfindet, hängt von Einstellungen oft stärker ab als von Informationen. Das gilt nicht nur fürs Publikum, sondern auch für Journalisten. Warum scheint die CDU die Skandalpartei par excellence zu sein und nicht die SPD? Kepplinger nennt dafür zwei Gründe: Mangel an Geschlossenheit der CDU bei ihrer Verteidigung (Journalisten können sich meist auf Kritiker aus der CDU selbst berufen) und politische Überzeugungen oder gar Voreingenommenheit von Journalisten: Deren Mehrheit tendiere zur SPD. Kepplinger ist dagegen eher konservativ, was im Verhältnis zu den meisten Journalisten die gegenseitige Wertschätzung beeinflußt.

          KURT REUMANN

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