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Rezension: Sachbuch : Auf je eigene Weise

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Zur Kaderschulung in der ostdeutschen CDU / Statt einer Rezension

          7 Min.

          Martin Rißmann: Kaderschulung in der Ost-CDU 1949-1971. Zur geistigen Formierung einer Blockpartei. Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte, Band 27. Droste Verlag, Düsseldorf 1995. 350 Seiten, 64,- Mark.

          Zweifellos erhellt das von Martin Rißmann vorgelegte Buch über das Schulungssystem der Ost-CDU von 1949 bis 1971, also in der Ulbricht-Ära, einen Aspekt der Entwicklung dieser Partei, der von entscheidender Bedeutung für ihre Integration in die realsozialistische Gesellschaft der DDR gewesen ist. Aufgrund vor allem der Auswertung eines immensen Archivmaterials hat der Doktorand bei dem kürzlich verstorbenen Alexander Fischer - auf dem Hintergrund einer knappen, aber kundigen Skizzierung und Würdigung von Anfängen der Bildungsarbeit in der Ost-CDU unter Jakob Kaiser bis Ende 1947 - klarstellen können: "Der Aufbau und die Ausgestaltung der Kaderschulung standen in einem engen Zusammenhang mit der organisatorischen und programmatischen Transformation der Ost-CDU zu Beginn der fünfziger Jahre. Das Bemühen, alle Parteigliederungen in einem zentral angeleiteten Schulungssystem zu erfassen und vor allem die Funktionäre auf den Kurs der Parteileitung auszurichten, war eine unmittelbare Folge der Anerkennung des Führungsmonopols der SED . . ."

          Da ich als zeitweilig (Mitte der fünfziger Jahre) für die Schulung in der Ost-CDU Verantwortlicher selbst viel zu sehr in die Analysen von Rißmann involviert bin, steht es mir nicht zu, blauäugig eine Rezension zu schreiben, die nolens volens zum intellektuellen Gericht über den politisch-moralischen Richter werden könnte, mindestens aber einen apologetischen Charakter bekäme. Da mich aber die F.A.Z. zu einer Äußerung über Rißmanns Buch eingeladen hat, möchte ich statt einer Rezension einige Anmerkungen machen; es geht mir um dreierlei.

          I.

          Rißmann hat seinen systematischen Ansatz von der in der altbundesdeutschen Parteienforschung favorisierten Frage nach den "Handlungsfeldern" der Ost-CDU bestimmen lassen. Aus meiner Sicht wäre der Ansatz der Analyse besser von der zeitgeschichtlichen Atmosphäre her zu fassen. Denn manches, was in der Darstellung Rißmanns als opportunistische Anpassung oder als Stilisierung einer merkwürdigen, in mancher Hinsicht pathetischen politischen Teleologie (beziehungsweise Eschatologie) erscheinen könnte, wird (zwar nicht verständlich, wohl aber) erklärbar, wenn die Jahre nach 1945, vor allem aber die nach 1948/49, in der SBZ und dann in der DDR in jener geschichtsphilosophischen Perspektive geortet werden, die hier von den ideologischen Konsequenzen aus dem 22. Juni 1941 und dem Sieg der Sowjetmacht über das NS-Regime, isoliert vom Kampf der gesamten Antihitlerkoalition und ungenau verquickt mit der allgemeinen (Kollektiv-)Schuld-Debatte der damaligen Zeit, entwickelt worden war. Es war Heinrich Manns Buch "Ein Zeitalter wird besichtigt", das eine (vom Verfasser ungewollte) verhängnisvolle Rolle in der Entfaltung dieser geschichtsphilosophischen Perspektive spielte - nämlich im Versuch einer geradezu gesetzmäßigen Fortschreibung der Französischen Revolution durch die Oktoberrevolution, einschließlich der Bagatellisierung des jeweiligen "revolutionären Terrors". Es war diese in die eindimensionale ML-Ideologie mündende Geschichtsphilosophie, die das intellektuelle Leben in der DDR um und nach 1950 beeinflußte und in pointierter Weise das gesellschaftliche Leben beherrschte: Hier bekamen denn auch die Schulungssysteme in den Parteien und Organisationen der DDR ihren historischen Platz.

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