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Rezension: Sachbuch : Auf der falschen Spur der Geschichte

  • Aktualisiert am

Eine überzeugende Auseinandersetzung mit den linken Kritikern der Totalitarismustheorien

          Wolfgang Kraushaar: Linke Geisterfahrer. Denkanstöße für eine antitotalitäre Linke. Frankfurt/Main 2001. Verlag Neue Kritik, 220 Seiten, 28,- Mark.

          Zum Erbe der Studentenbewegung gehört auch die Ächtung von Totalitarismustheorien, die mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus wieder an Konturen und Erklärungskraft gewonnen haben und gleichzeitig die Zukunftsgewißheit und Identität der Linken bedrohen. Der am Hamburger Institut für Sozialforschung beheimatete Wolfgang Kraushaar, der im undogmatischen Frankfurter linken Milieu sozialisiert und von der Kritischen Theorie inspiriert wurde, zeigt in verschiedenen Beiträgen, in welcher Weise und mit welchen Mitteln die Linke sich immer noch weigert, die Verbrechen kommunistischer Regime angemessen zur Kenntnis zu nehmen, und warum eine Totalitarismustheorie notwendig ist.

          Kraushaar beschreibt, wie von Mitte der sechziger Jahre an linke Theoretiker aus dem Umfeld des Berliner SDS begannen, Totalitarismustheorien zu delegitimieren und Faschismustheorien zu inthronisieren. In der seinerzeit im linken Milieu wirkungsmächtigen Zeitschrift "Argument" erschienen Aufsätze, die diesen theoretischen Paradigmenwechsel einleiten sollten.

          Der Unterschied zwischen Faschismus und Sowjetkommunismus wurde darin gesehen, daß die einen "Repression um jeden Preis" und die anderen die "Emanzipation der Massen" anstrebten. Die Totalitarismustheorie begriffen sie nur noch als antikommunistische Theorie, die zudem politisch motiviert und instrumentalisiert wurde. Kraushaar vermutet, daß die SED und ihr MfS bei der Ablösung der Totalitarismus- durch die Faschismustheorie "nachgeholfen" haben könnten. Seiner Meinung nach sprechen "viele Indizien dafür, daß Teile des SDS instrumentalisiert und manipuliert worden sind und andere dagegen diskreditiert, isoliert und geschwächt".

          Die Exponenten des Anti-Antikommunismus fanden sich (abgesehen von der undogmatischen Linken) in allen Organisationen und Strömungen der traditionellen und der Neuen Linken, die hinter ihrer Kritik, so jedenfalls sieht es Kraushaar, nur verbergen wollten, daß sie selbst einer zum Totalitarismus neigenden Theorie beziehungsweise Bewegung anhingen: "Die orthodox-marxistische Kritik an der Totalitarismustheorie war ein trojanisches Pferd, dem die Ideologen eines anderen totalitären Regimes entstiegen sind." Doch ihr Ziel, die Massen für ihr Anliegen zu gewinnen, erreichten sie nicht. Im Gegenteil: Diese Linken erschienen Kraushaar schon 1978 als Geisterfahrer, die sich noch auf der linken Spur gegenseitig abdrängten.

          Mit der Abwendung von der Totalitarismustheorie gingen in der Studentenbewegung eine Kritik der parlamentarischen Demokratie und eine Relegitimierung der proletarischen Diktatur einher. Daß sich Kapitalismus und Demokratie ausschlössen und die Bundesrepublik nur eine formale Demokratie sei, gehörte seinerzeit zu den unumstößlichen Dogmen der linken Milieus.

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