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Rezension: Sachbuch : Auf der falschen Fährte

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Maurice Philip Remy: Mythos Rommel. List Verlag, München 2002. 391 Seiten, 22,- [Euro].Das Bild ist bezaubernd schön, aber ist es auch zutreffend? Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der von Freund und Feind 1941/42 auf dem Nebenkriegsschauplatz in Nordafrika bewunderte tollkühne "Wüstenfuchs", ...

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          Maurice Philip Remy: Mythos Rommel. List Verlag, München 2002. 391 Seiten, 22,- [Euro].

          Das Bild ist bezaubernd schön, aber ist es auch zutreffend? Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der von Freund und Feind 1941/42 auf dem Nebenkriegsschauplatz in Nordafrika bewunderte tollkühne "Wüstenfuchs", erstrahlt seit 1945 immer wieder einmal im hellen Lichte eines Widerstandskämpfers gegen Hitler. Diese Fährte nimmt jetzt der Dokumentarfilmproduzent Maurice Philip Remy auf, der parallel zu dem ARD-Dreiteiler "Mythos Rommel" eine materialreiche und reichbebilderte Biographie über die in Berlin und in London gleichermaßen ausgestaltete größte Propagandaschöpfung im Zweiten Weltkrieg - also über den Rommel-Rummel - vorgelegt hat.

          Remy hält es für "wahrscheinlich", daß der Stuttgarter Oberbürgermeister Karl Strölin Ende Februar 1944 den Generalfeldmarschall über die Umsturzpläne von Carl Friedrich Goerdeler in Kenntnis gesetzt habe. Auch soll Rommel von Caesar von Hofacker - dem Vetter des Hitler-Attentäters Claus Graf Schenk von Stauffenberg sowie Adjudanten des Pariser Militärbefehlshabers und Hitler-Gegners Karl-Heinrich von Stülpnagel - am 9. Juli 1944 für die Ziele der Verschwörer gewonnen worden sein. Jedoch gesteht der Autor ein: "Bis heute sind der Inhalt des Gesprächs mit Hofacker und Rommels Reaktion darauf nicht eindeutig geklärt."

          Eine Aktennotiz des "Führer"-Sekretärs Martin Bormann vom 27. September 1944 belege jedoch "jetzt einwandfrei", daß Rommel das Attentat auf Hitler gebilligt habe. Bormann berief sich in dem Schriftstück auf Gestapo-Vermerke über Aussagen von Stülpnagel, Hofacker und anderen: "Feldmarschall Rommel sei durchaus im Bilde gewesen; Rommel habe erklärt, daß er der neuen Regierung nach gelungenem Attentat zur Verfügung stehen würde." Wer hätte sich nicht alles nach einem erfolgreichen Attentat, nach dem Tode des "Führers" in den Dienst der Widerstandskämpfer gestellt? Aus der Sicht des nationalsozialistischen Regimes war es egal, ob jemand sich vor oder nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 für den Umsturz engagieren wollte. Für den Historiker bleibt aber die Frage entscheidend, ob sich Hitlers Lieblingsgeneral vor dem Versuch eines Regimesturzes von den Zielen der Hitler-Gegner überzeugen ließ. Da hilft Bormann offensichtlich nicht weiter.

          Die große Schuld

          Immerhin zeigt laut Remy eine andere Quelle, daß es einen "ethischen Aspekt" gegeben habe, "der Rommel dazu bewogen hat, sich dem Widerstand anzuschließen". Zitiert wird aus dem Tagebuch von Rommels Marinesachverständigen, Admiral Friedrich Ruge, vom 11. Juni 1944: "Gerechtigkeit unentbehrliche Grundlage des Staates . . . Oben leider nicht sauber. Abschlachtungen große Schuld." Als Fundort gibt Remy das Bundesarchiv/Militärarchiv in Freiburg an, obwohl sich die von einer Tochter Ruges bisher zurückgehaltenen Kriegstagebücher dort noch gar nicht befinden. Eine inhaltlich ähnliche Aussage findet sich in dem 1959 erschienenen Ruge-Buch "Rommel und die Invasion": Hitler "wolle bis zum letzten Haus kämpfen. Er habe mehrfach geäußert, er wüßte auch nicht, wie es werden sollte, er sei aber der festen Überzeugung, daß es gut ausgehen würde. Rommel sagte, auf die Nation komme es an, nicht auf den einzelnen. Gerechtigkeit sei die Grundlage des Staates. Oben sei es bei uns nicht sauber, die Abschlachtungen seien eine schwere Schuld, die Kriegführung dilettantisch." Diese Äußerung, wenn sie denn so gefallen sein sollte, läßt es wohl kaum zu, den "Wüstenfuchs" zum Gegner des "Führers" hochzustilisieren.

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