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Rezension: Sachbuch : Auf dem Teppich

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Hans Engell blickt auf eine Dekade dänischer Politik zurück

          Hans Engell: På Slotsholmen. Aschehoug dansk forlag, Kopenhagen 1997. 455 Seiten, Abbildungen, 248 dänische Kronen.

          Die "Tamilen-Affäre" war der größte Skandal der dänischen Nachkriegspolitik. Der konservative Ministerpräsident Poul Schlüter trat zurück, der Sozialdemokrat Poul Nyrup Rasmussen übernahm die Regierung. Was war geschehen? In den Jahren 1987 und 1988 hatte Erik Ninn-Hansen, Justizminister im zweiten Kabinett Schlüter, eine ihm nicht genehme Asylgesetzgebung unterlaufen, die eine links-liberale Parlamentsmehrheit durchgesetzt hatte. Auf dem Schreibtisch des Justizministers stapelten sich etwa 140 Anträge von Tamilen, die das Recht in Anspruch nahmen, Familienangehörige aus Sri Lanka nach Dänemark zu holen. Ninn-Hansen verhinderte, daß die Anträge bearbeitet wurden. Anfang 1991 veröffentlichte dann die Zeitung "Weekendavisen" einen Artikel, der die Verstrickungen des Justizministers offenlegte. Das war der Anfang vom Ende. Im Januar 1993 legte der eingesetzte Untersuchungsausschuß unter dem akribischen Richter Hornslet den 5600 Seiten dicken Bericht vor. Ninn-Hansen wurde zu vier Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, einige Beamte des Justizministeriums wurden entlassen. Dem Ministerpräsidenten Schlüter wurde vorgeworfen, er habe das Parlament irregeführt. Seine Aussage "nichts wird unter den Teppich gekehrt" sei eine Lüge gewesen. Schlüter trat am 14. Januar 1993 zurück.

          Die detaillierte und selbstkritische Schilderung der "Tamilen-Affäre" steht im Zentrum von Hans Engells Buch "På Slotsholmen". Slotsholm ist der dänische Regierungssitz in Kopenhagen. Engell war während der gesamten zehn Jahre der Schlüterschen Minderheitsregierung ein Vertrauter des Ministerpräsidenten, zunächst als Pressesprecher, dann als Verteidigungs- und Justizminister. Selbstkritisch beschreibt er, wie es zu der "Katastrophe" kommen konnte. Engell scheut sich nicht, die Schuld und das Versagen der Konservativen Volkspartei zu verdeutlichen. Wie weit er sich selbst im Netz der Lügen verhedderte, ist bis heute umstritten. In seinen Erinnerungen gibt er als Versäumnis zu, er habe die Kritik eines zu Beginn der Krise eingeschalteten Ombudsmannes nicht ernst genug genommen.

          Wie auch immer: die Affäre bremste auch seinen politischen Aufstieg. Vorher selbst als Nachfolger des Ministerpräsidenten im Gespräch, mußte Engell nun als Wortführer seiner Partei auf den harten Oppositionsbänken Platz nehmen. Im Februar 1997 verursachte Engell alkoholisiert einen Verkehrsunfall. Er rief selbst die Polizei. Für einen Politiker, der stets "hartes Vorgehen" gegen betrunkene Autofahrer verlangt hatte, war die Angelegenheit doppelt peinlich. Engell gab seine Ämter als Parteivorsitzender und Kandidat der dänischen Konservativen für das Amt des Ministerpräsidenten bei den im Herbst 1998 stattfindenden Folketing-Wahlen auf.

          Neben der präzisen Schilderung der Tamilen-Affäre gelingen dem gelernten Journalisten in einfachen Worten eindrucksvolle Porträts von Schlüter und Ninn-Hansen, zweier Hauptakteure der dänischen Politik der achtziger Jahre. Bei aller Loyalität gegenüber seinem politischen Ziehvater Schlüter scheut Engell sich nicht, ihn zu kritisieren. Vor allem die fehlende programmatische Überzeugungskraft - "Ideologie ist Schund" sagte Schlüter einmal - hält Engell ihm vor. Ninn-Hansen wird am Ende die Rolle des Hauptschuldigen in der Tamilen-Affäre zugewiesen. Dabei wird seine überragende Stellung als erfahrener, manchmal verschlagener Taktiker in den zehn Jahren bürgerlicher Regierung nicht verschwiegen.

          Was Engell in seinen Erinnerungen auf 50 Seiten gelingt, mißlingt ihm auf den restlichen 400. Der Hauptteil des Buches bleibt episodisch: Die Reisen als Verteidigungsminister. Die Profile neuer Politikkollegen. Der Kampf gegen die Sozialdemokraten. Engell beschreibt, ohne zu analysieren. Warum es in Dänemark eine Dekade des Durchwurstelns mit ewigen Neuwahlen, Minderheitsregierungen, indirekten großen Koalitionen, faulen Kompromissen, wechselnden Mehrheiten und unverhältnismäßiger Macht von Kleinstparteien gab, erschließt sich dem Leser nicht. FRANK HEIKE

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