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Rezension: Sachbuch : Anarchisten zum Knuddeln

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          4 Min.

          Horst Stowasser: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1995. 397 Seiten, 44,- Mark.

          Als Michail Bakunin 1861 nach seiner Flucht aus Sibirien in London eintraf und die Frage eines Zollbeamten nach seinem Beruf stolz mit "Revolutionär" beantwortete, antwortete dieser nach einem Blick auf Bakunins lädierten Anzug bloß lapidar: "Genauso habe ich mir einen Revolutionär vorgestellt." Die Reaktion des britischen Beamten auf die Provokation des bekanntesten Anarchisten der Epoche kündet von der Selbstsicherheit des damaligen Empire - natürlich ließ man Bakunin einreisen -, aber auch von einem Klischee der Revolution, das mit einem Umsturz ausschließlich Kampf, Elend und Chaos verband. Scheinbar mustergültig wurden alle diese Züge von der Theorie des Anarchismus verkörpert. Bis heute hat sich an dieser Einschätzung nicht viel verändert.

          Dem tritt nun ein Buch entgegen, das unter dem leicht an Joghurt- oder Hygieneartikelreklamen erinnernden Titel "Freiheit pur" nicht nur die Geschichte der Anarchie, sondern auch ihre theoretischen Grundlagen und Zukunftsperspektiven referiert. Sein Verfasser, Horst Stowasser, zählt zu den Veteranen des nahezu ausgestorbenen Anarchismus in Deutschland und lebt selbst auf einem Eiland des von ihm beschworenen "Archipels libertärer Inseln" im Meer der bürgerlichen Zwangsmoral, dem Projekt "Wespe" in Neustadt an der Weinstraße. Dort leben und arbeiten über hundert Menschen, die sich einem herrschaftsfreien und ökologischen Dasein verschrieben haben. Stowasser, soviel steht fest, weiß, wovon er spricht, wenn er die Hemmnisse beschreibt, die bislang eine Ausbreitung der Anarchie verhindert haben.

          Dieser Hindernisse sind viele, sie liegen jedoch nach Meinung des Autors überwiegend in mangelndem Verständnis der Gegner der Anarchie begründet. Vorrangig sind dies natürlich die Anhänger der bürgerlichen Gesellschaft, aber noch bitterer fällt Stowassers Urteil über den Marxismus aus. Die Opposition zwischen den Gründervätern der beiden revolutionären Bewegungen, Marx und Bakunin, wird von Stowasser bis in die Gegenwart fortgeschrieben. Man ist als Leser oftmals versucht, eine Ehrenerklärung für die arg geschundene marxistische Lehre einzulegen, so gnadenlos geht Stowassers Buch den derzeit am Boden liegenden Gegner an. Alle sozialistische Avantgarde ist hier Folge der Adaption von anarchistischem Gedankengut, alle Rückschläge dagegen sind Ausdruck der Pervertierung durch Marx und seine Erben.

          Nun ist es sicher richtig, daß Anarchisten bei ihren klassenkämpferischen Vettern nicht eben wohlgelitten waren. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft kann auf Ideologiefreiheit nicht verzichten, und mit jeder anderen Form der Diktatur ist auch die des Proletariats undenkbar. Doktrinäre Marxisten konnten sich deshalb mit den Anarchisten nie anfreunden, sie blieben lediglich willkommenes Kanonenfutter auf den Barrikaden. Was der Pariser Polizeipräsident 1848 zu Bakunin feststellte, entspricht der späteren Praxis in den marxistischen Revolutionen: "Ein solcher Mann ist unschätzbar am ersten Tag der Revolution, am zweiten muß man ihn erschießen."

          Die Übernahme dieses Schwarzweißdenkens steht allerdings dem Propagandisten einer Konzeption nicht gut an, die sich das Ideal bunter Vielfalt auf die schwarzen Fahnen schreiben möchte. Wenn Stowasser die einprägsame Gleichung A = F + S (Anarchie ist Freiheit plus Sozialismus) als Weltformel predigt, stellt er nicht umsonst wie Rosa Luxemburg die Freiheit dem Sozialismus voran - sie ist sein "anarchistischer Zentralbegriff". Sind aber die Grenzen der Freiheit des Andersdenkenden in einer anarchischen Gesellschaft wirklich auch die eigenen? Es ist selbstverständlich schwierig, ein Modell zu verwirklichen, das explizit nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn ein globaler Umwertungsprozeß stattfindet, der derart rückständige Dispositionen wie Wachstumsdenken, Hierarchien oder Staaten einfach beseitigt. Hier ist das Einfallstor der Ambivalenz: Jeder möge sich bitteschön ruhig selbst verwirklichen, doch zum Beispiel den Müll räumt dann derjenige weg, der die niedrigste Ekelschwelle hat. Freiheit nach Stowassers anarchischer Konzeption wäre die Freiheit, beliebig lange die Beleidigung der fünf Sinne zu dulden - mithin eine Freiheit auf erschreckendem ästhetischen Niveau.

          Natürlich hat jedes Mitglied einer anarchischen Gemeinschaft das Recht, seinen Interessen gemäß zu leben. Wenn jedoch die Mittel zu deren Verwirklichung nicht mehr existieren, ist dieses Recht inhaltslos. Die Freunde der italienischen Oper werden es schwer haben, gegen die Mehrheit der Joan-Baez-Fans in der Kommune den Bau eines Opernhauses durchzusetzen, weil man in ihnen eine Ansammlung kleiner Bonapartes sehen mag. Zudem behält Stowasser seiner künftigen libertären Gesellschaft ein anarchistisches Ausschlußprinzip vor: Wer sich nicht an der gemeinsamen Verwaltung beteiligt, kann ausgegrenzt werden. Damit ist er nicht mehr weit von den tradierten kapitalistischen oder sozialistischen Modellen entfernt.

          Allerdings ist diese praxisorientierte Erörterung der anarchischen Zukunft eine Stärke des Buchs. Es ist wohltuend, daß endlich gegen die Karikatur des wahllos bombenschmeißenden Anarchisten angegangen wird, wenn Stowasser sein politisches Credo formuliert: "Das, was man erreichen will, muß auch in der Wahl der Mittel zum Ausdruck kommen." Der Anarchismus soll der Entfaltung der individuellen Persönlichkeiten dienen, doch wenn man seinen Gegner an die Decke sprengt, entfaltet sich nichts. In der Ahnentafel des Anarchismus stehen ja nicht nur die Attentäter des Fin de siècle, sondern auch die Vordenker sozialen Friedens wie Proudhon, Saint Simon oder Robert Owen, denen eine gewaltsame Bekehrung zu ihren Idealen undenkbar war. Stowasser verfällt nie der Bewunderung eines blinden Aktionismus, der mit der schwarzen Flagge wedelt und Pflastersteine fliegen läßt: "Revolution ist nicht, wenn's knallt, sondern wenn's sich wendet."

          Deshalb lebt der im Buch skizzierte neue Anarchismus vom Paradox einer evolutionären Revolution. Gemäß der eigenen Vita propagiert Stowasser die Etablierung kleiner Projekte, die durch wechselseitige Vernetzung ein anarchisches Gewebe über die Gesellschaft legen sollen. Hierbei kann der Autor sich auf die Theorien seines anarchistischen Idols, Peter Kropotkin, stützen, den das Buch wegen dessen Abmilderung von Bakunins rabiaten Ideen einen "Anarchisten zum Knuddeln" nennt. Das vorgelebte Beispiel soll helfen, die Anarchie bei den Menschen salonfähig zu machen. Dann könnte die Geschichtsschreibung im Konjunktiv überwunden werden, die Stowassers Buch betreiben muß, wenn es von früheren Ansätzen anarchischer Gemeinschaften berichtet, die sämtlich mit Waffengewalt beendet wurden.

          Der unbeirrbare Optimismus seines Autors macht das Buch sehr sympathisch, ein Register hätte ihm allerdings ebenso gutgetan wie ein gründlicheres Lektorat. Wenn Monate verwechselt werden (März und Mai 1871), "pazifische" statt "pazifistische" Menschen geschildert werden oder Stowasser seine physikalische Unkenntnis hervorkehrt, die ihn die geostationäre Bahn eines Satelliten in wenigen hundert Kilometer Höhe über der Erde vermuten läßt, hätte das statt des Lesers auch ein Lektor merken können. Auch die Inkonsequenz, dem Buch ein gigantisches Fremdwortregister anzuhängen, das selbst Begriffe wie "brisant", "Pädagoge" oder "Taktik" enthält, statt einfach - wenn dergleichen erklärungsbedürftig ist - die deutschen Ausdrücke im Text zu verwenden, überrascht. Aber wer sich auf hohem gedanklichen Niveau und dennoch populäre Weise in den Anarchismus einführen lassen will, der findet in Stowassers Buch eine oft witzige und immer lehrreiche Quelle. ANDREAS PLATTHAUS

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