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Rezension: Sachbuch : An der schönen braunen Donau?

  • Aktualisiert am

Margit Reiter: Unter Antisemitismus-Verdacht. Die österreichische Linke und Israel nach der Shoah. Studien Verlag, Innsbruck/Wien/München/Bozen 2001. 515 Seiten, 43,- Euro.Anfang 1947 wurde in amerikanischen Medien über den in Österreich herrschenden Antisemitismus berichtet. Dem trat der sozialistische Wiener Bürgermeister Theodor Körner vehement entgegen.

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          Margit Reiter: Unter Antisemitismus-Verdacht. Die österreichische Linke und Israel nach der Shoah. Studien Verlag, Innsbruck/Wien/München/Bozen 2001. 515 Seiten, 43,- Euro.

          Anfang 1947 wurde in amerikanischen Medien über den in Österreich herrschenden Antisemitismus berichtet. Dem trat der sozialistische Wiener Bürgermeister Theodor Körner vehement entgegen. Er sprach vom "Märchen des Antisemitismus" und machte folgendes klar: "An diesen Schauergeschichten ist selbstverständlich kein Wort wahr . . . Ein für allemal sei festgestellt, daß es, außer den von den Nazis in der Zeit ihrer Herrschaft über Österreich organisierten Ausschreitungen, in Wien Judenpogrome überhaupt niemals gegeben hat, denn der Wiener ist Weltbürger und daher von vornherein kein Antisemit." Körner war Sozialist, also ein "Linker", genauso wie sein Parteifreund Karl Renner, der inzwischen Bundespräsident geworden war. Der hatte ein Jahr vorher festgestellt, er glaube nicht, daß "Österreich in seiner jetzigen Stimmung Juden noch einmal erlauben würde, diese Familienmonopole aufzubauen. Sicherlich würden wir es nicht zulassen, daß eine neue jüdische Gemeinde aus Osteuropa hierher käme und sich hier etablierte, während unsere eigenen Leute Arbeit brauchen."

          Zwei Stimmen, die offensichtlich außenpolitischen Erfordernissen gerecht wurden, die aber den für die unmittelbare Nachkriegszeit in Österreich typischen Hang zur Verharmlosung und Leugnung des Antisemitismus offenbarten, genauso wie eine eklatante Ignoranz gegenüber historischen Fakten. Und die sahen so aus: Österreicher waren seit 1938 Nutznießer und Täter bei Ausgrenzung, Beraubung und Vertreibung der Juden. Nicht wenige hatten davon materiell profitiert: Abgesehen von "arisierten" Firmen und Geschäften, standen beispielsweise allein in Wien plötzlich 60000 Wohnungen zur Vergabe an Nichtjuden zur Verfügung. An Rückgabe nach 1945 dachte niemand.

          Österreicher waren auch überproportional im NS-Terrorapparat vertreten gewesen und hatten entscheidend zur Durchführung des Massenmordes an den Juden beigetragen. 40 Prozent des Personals und dreiviertel der Kommandanten der Vernichtungslager stammten aus Österreich, so Irmfried Eberl, erster Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka, und sein Nachfolger, Franz Stangl, zuvor schon Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor. Alle drei Kommandanten des Ghettos Theresienstadt stammten aus Österreich. Österreicher organisierten auch aus ganz Europa die Deportationen: 80 Prozent der "Eichmann-Männer" waren Österreicher. Auffallend viele Österreicher nahmen als Mitglieder der "SS-Einsatzgruppen" an Massenerschießungen von Juden und nichtjüdischen Zivilisten im Rückraum der Ostfront teil. Knapp 14 Prozent aller SS-Mitglieder waren Österreicher, obwohl der österreichische Anteil an der Reichsbevölkerung nur acht Prozent betrug. Nach Simon Wiesenthals Schätzung waren Österreicher für die Ermordung von mindestens drei Millionen Juden direkt verantwortlich.

          Dennoch wurde Österreichs lange Geschichte des Antisemitismus, von der kaum ein gesellschaftlicher Bereich vor 1938 ausgenommen war, durch den Holocaust nicht beendet: 1945 gab es keine "Stunde Null" des Antisemitismus. Margit Reiter untersucht, wie die österreichische Linke mit diesem Problem umgegangen ist und wie sie sich zu Israel nach der Shoah verhalten hat. Sie geht öffentlichen Äußerungen nach. Die österreichische Linke ist dabei weit gefaßt, in erster Linie ist das bei ihr die SPÖ, aber auch die KPÖ und in den siebziger und achtziger Jahren aufkommende linke Gruppen. Diese Gruppen wie auch die KPÖ hätte sie allerdings getrost vernachlässigen können, da beide nur von marginaler Bedeutung waren beziehungsweise sind.

          Die sozialistischen Spitzenpolitiker nach 1945 agierten als "Kinder ihrer Zeit", das heißt, sie standen zum einen in der Tradition einer linken Ambivalenz zum Antisemitismus, die auch nach 1945 weiterwirkte; zum anderen waren sie auch Produkte und Mitwirkende eines spezifischen österreichischen politischen Nachkriegsklimas, wo realpolitische Interessen oberste Priorität hatten (und die Tabuisierung von Antisemitismus noch nicht in dem Maße funktionierte, wie es heute der Fall ist). Vor allen Dingen aber trugen sie massiv die Opfertheorie mit, wonach Österreich das erste Opfer der Hitlerschen Aggression geworden und für das, was ab 1938 geschah, nicht verantwortlich sei.

          Die Staatsgründung Israels 1948 wurde von seiten der SPÖ kaum beachtet, zu sehr war man wenige Jahre nach Ende des Krieges mit eigenen Problemen beschäftigt. Erst zu Beginn der sechziger Jahre entwickelte sich im Umfeld der Partei ein zunehmendes Interesse für Israel, das in der von einigen Sozialisten initiierten und 1963 gegründeten österreichisch-israelischen Gesellschaft politisch umgesetzt wurde. Diese Gesellschaft wurde für viele sozialistische "Israel-Freunde" in Österreich zum Aktionsfeld ihres proisraelischen Engagements. Ähnlich auch der Österreichische Gewerkschaftsbund, in dem auch "Linke" vertreten waren; er pflegte zahlreiche Kontakte zu Israel, insbesondere zur israelischen Gewerkschaft Histradut. Entscheidend aber war Bruno Kreisky, seit 1970 Bundeskanzler. Ein jüdischer Bundeskanzler, der vier ehemalige Nationalsozialisten in sein Kabinett berief, war der denkbar idealste Verteidiger der österreichischen Geschichtsinterpretation. Nach Simon Wiesenthals Kritik an dieser Politik und Protesten aus dem Ausland beantragte die SPÖ auf ihrem Parteitag 1970 die Schließung von Wiesenthals Dokumentationszentrum, das der damalige SPÖ-Zentralsekretär und Unterrichtsminister Leopold Gratz als "Femegericht" bezeichnete.

          Von der drei Jahre zuvor nach dem Sechstagekrieg entstandenen Israel-Euphorie blieb in den folgenden Jahren nur wenig übrig. Kreiskys Haltung gegenüber ehemaligen Nationalsozialisten wie auch seine Nahost-Politik, insbesondere seine kritische Einstellung gegenüber Israel und sein Engagement für die Palästinenser trugen nicht unwesentlich zum Erfolg der von ihm propagierten Öffnung der SPÖ für breitere Wählerschichten bei. Er war durch seine jüdische Abstammung, politische Verfolgung und Flucht vor den Nazis über jeden Verdacht erhaben. Und er schreckte dabei nicht davor zurück, selbst antisemitische Klischees zu verwenden, wenn er daraus politisches Kapital für sich und seine Partei schlagen konnte. Da war etwa die internationales Aufsehen erregende Auseinandersetzung während des Nationalratswahlkampfes im Herbst 1975 zwischen ihm und Wiesenthal - beide Juden. Wiesenthal war mit einem Dossier über den Vorsitzenden der Freiheitlichen Partei, Friedrich Peter, an die Öffentlichkeit getreten, das diesen als Mitglied der 1. SS-Infanteriebrigade mit schlimmsten Kriegsverbrechen und Massenmorden im Hinterland der Ostfront in Zusammenhang brachte. Kreisky stellt sich nicht nur schützend vor Peter, sondern forderte pauschal, daß es nun "Zeit sei, einen Schlußstrich unter die Vergangenheit zu ziehen". Er sprach von einer Mafia, der Wiesenthal angehöre und die ihn, Kreisky, zur Strecke bringen wolle, weil er seine Aufgabe nicht im Dienste Israels leiste. Zudem beschuldigte er Wiesenthal, ein Nazikollaborateur gewesen zu sein, und äußerte verächtlich: "Wenn die Juden ein Volk sind, so ist es ein mieses Volk."

          Das Verhältnis Kreiskys zu Israel war eine Art Dauerkrise. Nach Kreisky kam die Waldheim-Zeit. Die Waldheim-Affäre war von den Linken losgetreten worden, hatte aber auch Konsequenzen für ihr Verhältnis zu Israel. Das normalisierte sich erst wieder einigermaßen, als im Nachgang zur Waldheim-Affäre der sozialistische Bundeskanzler Franz Vranitzky 1991 mit einer Erklärung vor dem österreichischen Nationalrat die längst fällige offizielle Kurskorrektur mit Blick auf die Opferthese öffentlich formulierte. Er wiederholte dies auch, als er im Juni 1993 als erster österreichischer Bundeskanzler den Staat Israel besuchte. Die Linke, das heißt die SPÖ, versuchte jedenfalls, ihr Verhältnis zu Israel zu normalisieren. Die Rechte stand wieder im Weg, diesmal war es die Regierungsbildung Anfang 2000, als die ÖVP mit den Freiheitlichen eine Koalition einging. Seit dieser Zeit sind die Beziehungen von seiten Israels erneut eingefroren. In Wien gibt es seither keinen Botschafter mehr.

          Reiter bietet eine interessante Bestandsaufnahme und Befindlichkeit der österreichischen Linken zu Israel, die zeigt, daß der Antisemitismus-Verdacht - zumindest in den ersten Jahren nach 1945 - weitgehend zu Recht bestand. Um das Bild abzurunden, fehlt jetzt nur noch eine entsprechende Studie über die österreichische Rechte.

          ROLF STEININGER

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