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Rezension: Sachbuch : An der schönen braunen Donau?

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Die Staatsgründung Israels 1948 wurde von seiten der SPÖ kaum beachtet, zu sehr war man wenige Jahre nach Ende des Krieges mit eigenen Problemen beschäftigt. Erst zu Beginn der sechziger Jahre entwickelte sich im Umfeld der Partei ein zunehmendes Interesse für Israel, das in der von einigen Sozialisten initiierten und 1963 gegründeten österreichisch-israelischen Gesellschaft politisch umgesetzt wurde. Diese Gesellschaft wurde für viele sozialistische "Israel-Freunde" in Österreich zum Aktionsfeld ihres proisraelischen Engagements. Ähnlich auch der Österreichische Gewerkschaftsbund, in dem auch "Linke" vertreten waren; er pflegte zahlreiche Kontakte zu Israel, insbesondere zur israelischen Gewerkschaft Histradut. Entscheidend aber war Bruno Kreisky, seit 1970 Bundeskanzler. Ein jüdischer Bundeskanzler, der vier ehemalige Nationalsozialisten in sein Kabinett berief, war der denkbar idealste Verteidiger der österreichischen Geschichtsinterpretation. Nach Simon Wiesenthals Kritik an dieser Politik und Protesten aus dem Ausland beantragte die SPÖ auf ihrem Parteitag 1970 die Schließung von Wiesenthals Dokumentationszentrum, das der damalige SPÖ-Zentralsekretär und Unterrichtsminister Leopold Gratz als "Femegericht" bezeichnete.

Von der drei Jahre zuvor nach dem Sechstagekrieg entstandenen Israel-Euphorie blieb in den folgenden Jahren nur wenig übrig. Kreiskys Haltung gegenüber ehemaligen Nationalsozialisten wie auch seine Nahost-Politik, insbesondere seine kritische Einstellung gegenüber Israel und sein Engagement für die Palästinenser trugen nicht unwesentlich zum Erfolg der von ihm propagierten Öffnung der SPÖ für breitere Wählerschichten bei. Er war durch seine jüdische Abstammung, politische Verfolgung und Flucht vor den Nazis über jeden Verdacht erhaben. Und er schreckte dabei nicht davor zurück, selbst antisemitische Klischees zu verwenden, wenn er daraus politisches Kapital für sich und seine Partei schlagen konnte. Da war etwa die internationales Aufsehen erregende Auseinandersetzung während des Nationalratswahlkampfes im Herbst 1975 zwischen ihm und Wiesenthal - beide Juden. Wiesenthal war mit einem Dossier über den Vorsitzenden der Freiheitlichen Partei, Friedrich Peter, an die Öffentlichkeit getreten, das diesen als Mitglied der 1. SS-Infanteriebrigade mit schlimmsten Kriegsverbrechen und Massenmorden im Hinterland der Ostfront in Zusammenhang brachte. Kreisky stellt sich nicht nur schützend vor Peter, sondern forderte pauschal, daß es nun "Zeit sei, einen Schlußstrich unter die Vergangenheit zu ziehen". Er sprach von einer Mafia, der Wiesenthal angehöre und die ihn, Kreisky, zur Strecke bringen wolle, weil er seine Aufgabe nicht im Dienste Israels leiste. Zudem beschuldigte er Wiesenthal, ein Nazikollaborateur gewesen zu sein, und äußerte verächtlich: "Wenn die Juden ein Volk sind, so ist es ein mieses Volk."

Das Verhältnis Kreiskys zu Israel war eine Art Dauerkrise. Nach Kreisky kam die Waldheim-Zeit. Die Waldheim-Affäre war von den Linken losgetreten worden, hatte aber auch Konsequenzen für ihr Verhältnis zu Israel. Das normalisierte sich erst wieder einigermaßen, als im Nachgang zur Waldheim-Affäre der sozialistische Bundeskanzler Franz Vranitzky 1991 mit einer Erklärung vor dem österreichischen Nationalrat die längst fällige offizielle Kurskorrektur mit Blick auf die Opferthese öffentlich formulierte. Er wiederholte dies auch, als er im Juni 1993 als erster österreichischer Bundeskanzler den Staat Israel besuchte. Die Linke, das heißt die SPÖ, versuchte jedenfalls, ihr Verhältnis zu Israel zu normalisieren. Die Rechte stand wieder im Weg, diesmal war es die Regierungsbildung Anfang 2000, als die ÖVP mit den Freiheitlichen eine Koalition einging. Seit dieser Zeit sind die Beziehungen von seiten Israels erneut eingefroren. In Wien gibt es seither keinen Botschafter mehr.

Reiter bietet eine interessante Bestandsaufnahme und Befindlichkeit der österreichischen Linken zu Israel, die zeigt, daß der Antisemitismus-Verdacht - zumindest in den ersten Jahren nach 1945 - weitgehend zu Recht bestand. Um das Bild abzurunden, fehlt jetzt nur noch eine entsprechende Studie über die österreichische Rechte.

ROLF STEININGER

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