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Rezension: Sachbuch : Am Elend änderte sich nichts

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Achim Kilian: Mühlberg 1939-1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2001. 377 Seiten, 35,50 Euro.Dem Terror Hitlers folgte der Terror Stalins. Diese bittere Wahrheit zeigte sich nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Herrschaftssystems in allen von der Roten Armee besetzten Ländern Europas.

          Achim Kilian: Mühlberg 1939-1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2001. 377 Seiten, 35,50 Euro.

          Dem Terror Hitlers folgte der Terror Stalins. Diese bittere Wahrheit zeigte sich nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Herrschaftssystems in allen von der Roten Armee besetzten Ländern Europas. Das Kontinuum des Schreckens wird im Ostteil Deutschlands vor allem mit Buchenwald verbunden, dem Ort des nationalsozialistischen Konzentrationslagers und sowjetischen Speziallagers. Vor den Toren Weimars quälte und mordete auf demselben Gelände erst Himmlers SS und dann - wenn auch in bescheideneren Dimensionen - Berijas NKWD.

          Ein weiteres, weniger bekanntes Beispiel ist das ebenfalls von beiden Diktaturen genutzte Lager Mühlberg an der Elbe in Sachsen. Hier richtete sich der NKWD nicht in einem KZ seines SS-Pendants, sondern in einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht ein, so daß dieser Fall weniger spektakulär scheint und geringere Vergleichsmöglichkeiten bietet als Buchenwald. Bei näherer Betrachtung werden aber trotz der notwendigen Unterscheidung zwischen einem militärischen und einem politischen Lager auch in Mühlberg die Parallelen im unmenschlichen Gefangenenwesen totalitärer Staaten deutlich.

          Diesen Vergleich ermöglicht das Buch Kilians, mit dem erstmals die Gesamtgeschichte eines zunächst nationalsozialistischen, dann stalinistischen Lagers auf deutschem Boden vorliegt. Da der Autor die Mühlberger NKWD-Haft für Jahre selbst erleiden mußte, steht die persönliche Betroffenheit der nüchternen Analyse teilweise im Weg. Dennoch ist Kilian der Spagat zwischen wissenschaftlich fundierter Darstellung und engagiertem Gedenkbuch gelungen. Vor allem schafft die akribische Auswertung aller überlieferten Akten und Berichte eine zuverlässige Basis von Zahlen und Fakten der Mühlberger Schreckensjahre.

          Die bewegte und bewegende Geschichte dieser Terrorstätte nahm ihren Anfang, als die Wehrmacht im September 1939 bei Mühlberg ein provisorisches Zeltlager für polnische Kriegsgefangene errichtete. Dieses "Mannschafts-Stammlager" (Stalag IV B) wurde nach und nach zu einer Barackenstadt ausgebaut, durch die bis zum Kriegsende Zehntausende von Gefangenen gingen. Die meisten von ihnen wurden in Mühlberg nur registriert und zur Arbeit auf Zweiglager verteilt. Nach den Polen kamen die Franzosen, dann die Sowjetrussen, Briten, Italiener, Niederländer und Amerikaner, um nur die am stärksten vertretenen Nationen zu nennen. Als das Lager am 23. April 1945 von der Roten Armee besetzt wurde, war Mühlberg ein Vielvölkerlager, in dessen Einrichtungen sich 25 000 Gefangene aller Länder drängten.

          Die Unterschiede in der Behandlung dieses buntscheckigen Gefangenenheers hätten freilich kaum größer sein können. Die westlichen Gefangenen, besonders die Franzosen, Briten und Amerikaner, standen trotz aller Unannehmlichkeiten unter dem Schutz des Genfer Abkommens von 1929. Sie durften Versorgungspakete des Roten Kreuzes empfangen und eine Art Gemeinwesen mit Lageruniversität, Kulturleben und Sportveranstaltungen aufbauen. Dagegen wurden die polnischen und serbischen Kriegsgefangenen sowie die italienischen Militärinternierten von ihren deutschen Bewachern deutlich schlechter behandelt.

          Ganz unten in der rassistischen, vom Nationalsozialismus vorgegebenen Werteskala rangierten aber die sowjetischen Kriegsgefangenen. Im Mosaik der sehr unterschiedlichen Lagerstadtquartiere bewohnten sie das Elendsviertel, in dem Hunger, Krankheit und Gewalt herrschten. Sie waren der deutschen Willkür schutz- und rechtlos ausgeliefert. Während sich die Sterbeziffern der übrigen Gefangenen in Grenzen hielten, hatten die Sowjetrussen in Mühlberg und dem berüchtigten Zweiglager Zeithain Tausende Tote durch Typhus, Erschöpfung und Erschießungen zu beklagen. Die NS-Ideologie führte auch im militärischen Lagersystem zur gezielten Mißachtung der Menschenrechte, wie sie für das Gefangenenwesen in Diktaturen charakteristisch ist. An diesem Elend änderte sich nichts, als das eine totalitäre System durch das andere ersetzt wurde. Das Stalag IV B wurde aufgelöst, die sowjetischen Kriegsgefangenen gingen als "Verräter" in ihre Heimat zurück und einer ungewissen Zukunft entgegen. Der NKWD nutzte die Mühlberger Anlage von September 1945 bis September 1948 als Speziallager No 1. Den katastrophalen Lebensbedingungen, die vorher vor allem die sowjetischen Kriegsgefangenen dezimiert hatten, waren nun deutsche Häftlinge ausgesetzt. Auf Befehl Berijas kam es in der Sowjetischen Besatzungszone zu willkürlichen Verhaftungen von Personen, die als "Hitleristen" verdächtigt oder denunziert wurden.

          Diese "tschekistischen Maßnahmen" unterschieden sich in ihrer Brutalität und Willkür kaum vom Vorgehen der deutschen Polizeiorgane in den Jahren zuvor, wenn sie auch nicht deren mörderische Effizienz erreichten. Die tatsächlichen oder vermeintlichen Nationalsozialisten verschwanden ohne Beweis und Verfahren in den NKWD-Lagern. Allein in Mühlberg wurden insgesamt etwa 22 000 Männer, Frauen und Jugendliche verwahrt, von denen jeder dritte in der Haft starb, meist an Mangelernährung und Tuberkulose. Viele andere wurden zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschickt und kamen dort um. Mit "Entnazifizierung" hatte dies wenig zu tun. Das Ziel war vielmehr Abschreckung durch Terror und Gewinnung von Arbeitskräften. Auch hier ähnelten sich die Methoden.

          Die Gräber der sowjetischen Kriegsgefangenen und deutschen NKWD-Gefangenen in Mühlberg sind anonym. Nur die Gruben und Äcker, in denen sie verscharrt wurden, zeugen von den Ängsten und Leiden der Menschen in totalitären Staaten, die im Wort "Lager" eine Chiffre haben.

          JOHANNES HÜRTER

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