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Rezension: Sachbuch : Allmähliche Einkreisung vor dem Mord

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Saul Friedländer über nationalsozialistische Täter, jüdische Opfer und die deutsche Gesellschaft vor dem Krieg

          Was läßt sich über die Verfolgung und Ermordung der Juden noch Neues sagen? Saul Friedländer bietet keine dramatische neue These; es geht ihm um eine "umfassende Perspektive". Er beschäftigt sich mit Hitler und den führenden Nationalsozialisten wie auch mit den jüdischenOpfern. Und er untersucht die deutsche Zivilgesellschaft und ihre Institutionen, insbesondere die Kirchen, denen hier bis tief in die Bekennende Kirche kein Ruhmesblatt gewidmet werden kann; auch das Verhalten der Weltöffentlichkeit wird einbezogen. Innerhalb der Gesellschaft wurde die Verfolgung und Vernichtung ausgeführt - eine moderne Gesellschaft, so Friedländer, die der "unseren nicht unähnlich" ist, deren Gewöhnlichkeit freilich mit der einzigartigen Ideologie und der politischen Kultur des Nazi-Regimes zum vielleicht "höchsten Maßstab des Bösen" verschmolz. Die Einzigartigkeit beruht auf einer Synthese aus "mörderischer Wut", ideologischem Fanatismus, verbunden mit kalter Berechnung und Pragmatismus, mit der Hitlers Ziel, die Vernichtung der Juden, verfolgt wurde. Daß das Böse in eine nicht sonderlich abnorme Gesellschaftsstruktur eingebettet war, überführt das politisch korrekte Gerede vom "Zivilisationsbruch" als bequemes, aber fragwürdiges Klischee.

          Den Kern des Bösen bezeichnet Friedländer als Hitlers "Erlösungsantisemitismus", als eine politische Religion. Sie fußt auf dem ewig Guten, der arischen Rasse, und dem jüdischen Bösen, einer untermenschlichen Pest und gleichzeitig übermenschlichen Macht. Hitler verschmolz die neue Rassenanthropologie mit einem "Deutschen Christentum", verwurzelt, so Friedländer, im christlichen Antisemitismus und dem Glauben an Blut und Volksgemeinschaft. Hinzu kamen die antimodernistische Reaktion auf den "überaus sichtbaren Aufstieg der Juden" aus dem Ghetto, die von der bayerischen Räterepublik mitgeprägte Vorstellung der Juden als Führer der revolutionären Weltbewegung, und die in den Protokollen der Weisen von Zion artikulierten Phantasien über die Menschheitsparasiten. Der Autor beschreibt die ästhetische Komponente dieser Religion: die Obsessionen über zersetzendes Judentum in der modernen Kultur im Gegensatz zur harmonischen Blut- und Boden-Idylle der Hitler-Aquarelle. Hitler hatte spätestens 1923 die Vorstellung von der jüdischen Weltherrschaft zur Vernichtung der Welt. Friedländer zeigt, daß für Hitler der Antibolschewismus sekundär war, lediglich eine Kreatur der vorgestellten jüdischen Weltverschwörung.

          Diese nationalsozialistische "Religion"konnte in der Bevölkerung nie Fuß fassen, sich nicht gegen unmittelbare wirtschaftliche Interessen behaupten: die Bauern beklagten sich über das Verschwinden der jüdischen Viehhändler, die die besseren Preise hatten, die Kirchen wollten ihre Mitglieder jüdischer Herkunft nicht verlieren, die Angestellten des jüdischen Ullstein Verlags protestierten gegen den ihnen schadenden Boykott des Unternehmens, die Gemeinde Laupheim gegen den Verlust von Steuereinnahmen durch die Schließung jüdischer Betriebe. Der Autor hat keine Erklärungsschablonen wie "Intentionalismus" oder "Funktionalismus". Er gibt seinen Lesern die Möglichkeit in die Hand, selbst zu urteilen und zu erklären.

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