https://www.faz.net/-gqz-2upb

Rezension: Sachbuch : Absolute Werte

  • Aktualisiert am

Netanjahu über den Terrorismus

          3 Min.

          Benjamin Netanjahu: Der neue Terror. Wie die demokratischen Staaten den Terrorismus bekämpfen können. Deutsch von Klaus Binder und Jeremy Gaines. C. Bertelsmann Verlag, München 1996. 192 Seiten, 38,80 Mark.

          Der israelische Ministerpräsident Netanjahu ist kein Freund vielschichtigen Denkens. Für ihn gibt es nur zweierlei: Gut und Böse. In seinem Buch "Der neue Terror" belegt der nun in Israel die Geschicke einer Nation Lenkende mit eindrucksvollen Zitaten seine Denkweise. Islamische Fundamentalisten sind für ihn grundsätzlich "meist gestörte asoziale Versager" und "Totschläger". Während Netanjahu seitenweise seinen Haß über Muslime ergießt, fehlt auf den 191 Seiten seines Buches jeder Hinweis darauf, daß es auch unter den Juden im Staate Israel jene Verbrecher gibt, die Massenmorde offenbar als legitime Form politischer Willensbetätigung verstehen. So hatte im Frühjahr 1994 ein jüdischer Arzt 29 betende Muslime in Hebron ermordet. Doch derlei paßt offenbar nicht in das Weltbild des Autors. Auch andere dunkle Flecken in der neueren jüdischen Geschichte, die eigentlich gut zum Thema seines Buches gepaßt hätten, übersieht der Autor. So waren auch die jüdischen Gruppen "Irgun" und "Lechi", die in der Gründungsphase des Staates Israel blutige Anschläge gegen die Zivilbevölkerung und auch gegen die britische Mandatsmacht verübten, Terrororganisationen.

          Netanjahu macht zwar Vorschläge, mit deren Hilfe der internationale Terrorismus bekämpft werden soll, läßt aber zugleich viele Fragen offen. So fordert er Sanktionen gegen Länder, die Nukleartechnologie an terroristische Staaten liefern. "Diesen Staaten sollten jegliche Art von Atomtechnologie und jegliches Know-how verweigert werden . . .", schreibt Netanjahu. Rußland aber hat - trotz der UN-Sanktionen gegen Bagdad - Komponenten zum Bau der irakischen Nukleartechnologie geliefert. Und das von Saddam Hussein beherrschte Regime in Bagdad fördert nachweislich den internationalen Terrorismus. Sollte man Moskau daher jegliche Atomtechnologie verweigern? Und wer entscheidet darüber, welcher Staat Atomwaffen haben darf und welcher nicht? Israel ist bislang die einzige Nuklearmacht im Nahen Osten. Entscheidet etwa Israel darüber, ob und welche arabischen Staaten ein Anrecht auf diese Technologie haben?

          Netanjahu stürzt den Leser auch in Verzweiflung, wenn er - auf den ersten Blick plausibel - das "Einfrieren der Vermögenswerte der terroristischen Regime und Organisationen im Westen" fordert. "In allen demokratisch regierten Ländern sollte die finanzielle Unterstützung terroristischer Gruppen als eine Form der Beteiligung an ihren Anschlägen gelten", schreibt Netanjahu. Nun mag es einem Leser gefallen oder nicht, aber die Islamische Republik Iran ist nicht der Hauptgeldgeber radikaler islamistischer Organisationen wie der palästinensischen Hamas. Das sind nach übereinstimmenden Erkenntnissen westlicher Geheimdienste die angeblichen "Freunde" und Verbündeten des Westens, so Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Golfstaat Qatar. Von Qatar beispielsweise will Israel zukünftig den Großteil seines Bedarfes an Erdgas beziehen. Von Israel ist aber bislang nicht bekannt, daß man Qatar für die Unterstützung der Terrorgruppe Hamas auch nur gerügt hätte, auch nicht seitdem der neue Ministerpräsident Netanjahu heißt. In dem Kapitel "Die Frage der bürgerlichen Freiheiten" könnte der Leser gar den Eindruck gewinnen, daß Netanjahu der Demokratie nicht eben wohlwollend gegenübersteht. "Die Überzeugung, daß freie Meinungsäußerung und freie Religionsausübung absolute Rechte sind, die selbst durch dringliche Sicherheitsbedürfnisse auch nicht im geringsten eingeschränkt werden dürfen, heißt im Grunde, eine Art der Rechtsverletzung durch eine andere, vielleicht sogar schlimmere Verletzung zu ersetzen." Der israelische Ministerpräsident empfiehlt allen Ländern vielmehr die Mittel eines Überwachungsstaates: "Man muß Menschen, die sich gefährdeten Gebäuden, etwa Regierungsgebäuden, nähern oder die etwa Verkehrseinrichtungen nutzen, sorgfältig überwachen. Lokale Sicherheitseinrichtungen sind zu installieren . . ." Ein weiteres Zitat spricht für sich selbst: "Allerdings war es nötig, mit der weitverbreiteten Überzeugung aufzuräumen, daß in einer demokratischen Gesellschaft die Freiheit der Meinungsäußerung, der Versammlung und der Religionsausübung, das Recht, Waffen zu tragen, die diplomatische Immunität und das politische Asyl garantiert werden müssen, als seien dies absolute Werte. Sie sind es nicht . . ." Man darf gespannt darauf sein, welchen Weg Israel unter der Regierung Netanjahu einschlagen wird. UDO ULFKOTTE

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.