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Rezension: Sachbuch : Abschied von den Huris?

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Christoph Luxenberg: Die syro-aramäische Lesart des Koran. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 2002. 311 Seiten, 29,70 [Euro].Der Koran, das heilige Buch der Muslime, verheißt den Gläubigen das Paradies in besonders sinnlichen Bildern. Der Muslim ...

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          Christoph Luxenberg: Die syro-aramäische Lesart des Koran. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 2002. 311 Seiten, 29,70 [Euro].

          Der Koran, das heilige Buch der Muslime, verheißt den Gläubigen das Paradies in besonders sinnlichen Bildern. Der Muslim hat sie verinnerlicht, und so mögen sie auch mitschwingen bei jenem Märtyrer-und Selbstmörderkult, den wir heute im Nahen Osten und außerhalb wieder beobachten. Da wird die Paradiesesvision hochpolitisch, Sprengstoff in des Wortes wahrer Bedeutung. Seit alters her gab es Polemiken, in denen christliche Theologen dem Islam sowohl die "Sinnlichkeit" seines Propheten als auch seiner Vorstellung vom Paradies vorhielten und beides als Zeichen der "Minderwertigkeit" und Ketzerei, ja, der Falschheit dieser Offenbarung ansahen.

          Doch wie, wenn sich das alles als grundlos herausstellte? Wie, wenn es im Koran weder die legendären Huris, die Paradiesesjungfrauen, noch die schönen Jünglinge gäbe, von denen die Texte reden? Nicht mehr und nicht weniger behauptet Christoph Luxenberg. Der deutsche Semitist, ein strenger Philologe, heißt eigentlich anders, zieht es angesichts der wissenschaftlichen, religiösen und politischen Brisanz seiner Thesen jedoch vor, unter Pseudonym zu veröffentlichen. Der "Fall Rushdie" läßt grüßen.

          Die Brisanz liegt darin, daß den Muslimen bis heute der Koran als das ungeschaffene, direkte Wort Gottes gilt. In der Offenbarung hat Gott gewissermaßen selbst arabisch gesprochen. Zentrum des Islams ist der Koran, nicht sein Prophet. Es sind keineswegs nur Islamisten, die so denken, sondern theoretisch alle Muslime. So ist denn selbst die Übertragung des heiligen Buches in eine andere als die sakrale Sprache des Korans eine wenn nicht mehr verbotene, so doch noch immer besonders problematische Angelegenheit. Und gerade heute haben die sola scriptura-Lesungen wieder Hochkonjunktur. Zwar kennt die Tradition sieben Weisen der Lesung, auch haben sich muslimische Gelehrte schon früh um ein besseres und tieferes Verständnis der 114 Suren, aus denen der Koran mit seinen mehr als 6000 Versen besteht, bemüht. Doch ein wissenschaftliches Herangehen nach dem Vorbild der aufklärerischen europäischen Bibelkritik gibt es bis heute nicht. Solches tun allein westliche Arabisten, Semitisten, Koranforscher - und legen damit die Lunte an religiöses Dynamit. Die wenigen Muslime, die ihnen dabei folgen, leben heute im westlichen Ausland oder sind getötet worden.

          Auch den Muslimen fiel schon auf, daß der Koran dunkle Stellen enthält. Luxenberg schätzt ihren Umfang auf etwa ein Viertel des gesamten Textes. Sie bereiteten bereits dem großen Koran-Kommentator al Tabari (838 bis 923 n. Chr.) in seinem dreißigbändigen "Tafsir", einer erstklassigen Leistung des "klassischen" Islams, große Schwierigkeiten. Luxenberg zieht in seinem Werk "Die syro-aramäische Lesart des Koran" zunächst immer den "Tafsir" heran, dann das große Lexikon "Lisan al Arab", in dem der "Ozean" der arabischen Sprache lexikographisch erkundet wird. Erst wenn er für bestimmte Stellen, Redewendungen und Wörter darin keine befriedigenden Lösungen erhält, versucht er ihre Lesung aufgrund seiner, der syro-aramäischen Lesart.

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