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Rezension: Sachbuch : Abschied von den Huris?

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Manches daran ist nicht neu. Daß das Wort "Koran (al qur'an)" wohl vom Aramäischen "qeryana" abgeleitet ist, gilt als communis opinio in der Gelehrtenwelt. Vor einer Generation schon hatte der Erlanger Gelehrte Günther Lüling "christliche arabische Spruchdichtung" im Koran entdeckt. Er war so weit gegangen, die "heidnischen" Gegner Mohammeds in Mekka als "hellenisierte Christen" zu betrachten, deren Kaaba eine Kirche gewesen sei. Mohammed habe sie durch sein Wirken zum reinen, unverstellten semitischen Monotheismus ohne spätgriechisches Beiwerk zurückgeführt.

So weit geht Luxenberg nicht. Doch hebt auch er das christliche, insbesondere syrische Element in vielen mekkanischen Suren hervor, dazu die Bedeutung der syrisch-aramäischen Sprache in der Antike und Spätantike. Sie war im Vorderen Orient Weltsprache, ihr Einfluß reichte unter den Intellektuellen weit nach Arabien hinein. Luxenberg legt seinen Lesungen bestimmter Koranverse zugrunde, daß in Mekka zur Zeit des Propheten ein arabischer Volksdialekt gesprochen worden sei, zusammen mit dem Syrisch-Aramäischen, respektive eine aramäisch-arabische Mischsprache. Sowohl das Hocharabische als auch die heute hochentwickelte arabische Schrift waren erst im Entstehen.

Die frühen Handschriften des Korans sind in der Tat besonders defektiv geschrieben. Etliche Buchstaben glichen sich wie ein Ei dem anderen, diakritische Zeichen, für die Vokalisierung und damit Lesung horrend wichtig (dies auch im Hebräischen), waren noch nicht entwickelt. Bis zur Ausbildung eines perfektionierten, normierten Schriftarabisch vergingen Generationen, extensiv gerechnet hundertfünfzig Jahre.

Schon die ersten Koranredaktoren schufen ein sprachliches Korpus, dessen syro-aramäische sprachliche Prägung von späteren Muslimen oft gar nicht mehr verstanden wurde. Hinzu kamen die vielen Möglichkeiten, aufgrund der extrem defektiven Schreibung - noch dazu einer Konsonantenschrift - zahlreiche Stellen schlicht zu "verlesen". Am Leitfaden der drei bedeutendsten Koranübertragungen Europas, derjenigen von Rudi Paret, Regis Blachère und Richard Bell, geht der Autor dunklen Stellen nach und macht deutlich, daß auch diese Autoritäten in vielen Fällen über die Zweifel, die schon al Tabari gehabt haben mochte, nicht hinauskamen.

Vom syro-aramäischen Wortschatz und Sprachduktus ausgehend, gelingen Luxenberg in vielen Fällen verblüffend einleuchtendere Lesungen - am spektakulärsten bei den einschlägigen Stellen in den Suren 44 und 52 über die Paradiesesjungfrauen. So wurden aus dem Adjektiv "hur", das syro-aramäisch "weiße Weintrauben" bezeichnet, sogenannte "Huris" oder Paradiesesjungfrauen, aus dem metaphorisch gemeinten syro-aramäischen Wort "'in" (wörtlich: Augen, übertragen: perlengleich) wurden "großäugige" (Huris). Aus Verlesungen und dem Vergessen der syro-aramäischen Wurzel wurden aus "Erstlingsfrüchten", auf denen die Seligen "behaglich" liegen, "(ewige) Jungfrauen", mit denen sie "verheiratet" werden, et cetera.

Das Buch ist in erster Linie eine sprachwissenschaftliche Studie, von strikt philologischem Geist getragen. Sie führt zu Fragen nach der Verläßlichkeit der bisher als überwiegend objektiv geglaubten Überlieferung und ersten Redaktion des Korans, die die Koranwissenschaft weiter beschäftigen werden. Die ursprüngliche Nähe des Korans zum Christentum erscheint in neuem Licht. Um eine Verunglimpfung des Islams geht es dabei nicht, wie Luxenberg hervorhebt, denn gerade die Muslime müssen am ehesten an einer Klärung der Koransprache interessiert sein. Es ist nicht die Schuld des Korans, wenn Menschen Teile von ihm aus Unwissenheit mißverstanden haben. Politische Implikationen eingeschlossen. Ein zweiter Band ist in Vorbereitung.

WOLFGANG GÜNTER LERCH

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