https://www.faz.net/-gqz-6qelz

Rezension: Sachbuch : Abschaum der Erde

  • Aktualisiert am

Deserteure und Überläufer im Ersten Weltkrieg

          2 Min.

          Christoph Jahr: Gewöhnliche Soldaten. Desertion und Deserteure im deutschen und britischen Heer 1914-1918. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 123. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998. 419 Seiten, Schaubilder und Tabellen, 78 Mark.

          General Wellington, der Sieger von Waterloo, nannte gewöhnliche Soldaten kurzerhand den "Abschaum der Erde". Bei Verstößen gegen die Manneszucht ließ er sie auspeitschen oder aufhängen. Hundert Jahre später, im Ersten Weltkrieg, fällte die britische Militärjustiz noch immer rigorose Urteile: Wer versuchte, zum Feind überzulaufen, oder sich irgendwo im Hinterland der Front versteckte, landete meistens am Exekutionspfahl. Wenn bei Sturmangriffen die Trillerpfeife ertönte und die jungen Soldaten über die Grabenbrüstung ins Niemandsland springen mußten, durchsuchte die englische "Schlachtpolizei" die leeren Schützengräben nach Drückebergern. Wer nicht ehrenvoll sterben wollte, landete vor dem Kriegsgericht. Fieldmarshall Haig, der Oberkommandierende des britische Expeditionskorps in Frankreich, lehnte die Begnadigung von Deserteuren meistens ab. Mit roter Tinte schrieb er unwirsch an den Rand: "Wie sollen wir sonst siegen?"

          In der vorliegenden Dissertation wird nicht nur das Phänomen der "Fahnenflucht" mit bewundernswerter Akribie untersucht, sondern darüber hinaus eine Soziologie des "Gewöhnlichen Soldaten" im Ersten Weltkrieg geboten. Vor allem in der standesbewußten englischen Armee war der Klassenunterschied zwischen dem Offizierskorps und dem gemeinen Mann fast unüberwindlich. "Tommy Atkins", wie man den englischen Landser getauft hatte, wurde von seinen Vorgesetzten ständig argwöhnisch beobachtet. Immer befürchtete man, er könne bei günstiger Gelegenheit versuchen, Fahnenflucht zu begehen. Jeder Soldat vorn im Schützengraben galt als potentieller Deserteur, der mit immer raffinierteren Tricks sein Leben retten wollte.

          Merkwürdigerweise ging man in der kaiserlich deutschen Armee mit Deserteuren milder um. Die preußischen Kriegsgerichte orientierten sich weitgehend an den rechtsstaatlichen Prinzipien der Ziviljustiz und gaben Fahnenflüchtigen nicht selten eine Überlebenschance. Man sperrte sie irgendwo hinten in der Etappe ins Gefängnis, und die Delinquenten waren für etliche Monate vor den tödlichen Gefahren des Schützengrabens sicher. In den Feldpostbriefen, die der Autor zitiert, ist denn auch immer wieder davon die Rede, wie überglücklich die inhaftierten Landser über ihren Gefängnisaufenthalt waren. Man beging sogar alle möglichen groben Disziplinlosigkeiten - nur um hinter Gitter zu kommen. Auf beiden Seiten der Front wimmelte es von Simulanten und Selbstverstümmlern. Manche infizierten sich absichtlich mit Geschlechtskrankheiten, um ins Lazarett zu kommen. Militärpsychiater hatten den Befehl, jeden, der eine Geisteskrankheit vorschützte, sofort wieder an die Front zu schicken. Bei Verfahren gegen Deserteure wurden sie als Gutachter herangezogen und spielten dabei oft eine unrühmliche Rolle, weil sie psychische Schocks, etwa durch Trommelfeuer, kurzerhand als Nervenschwäche bagatellisierten.

          Es versteht sich, daß eine solche umfassende wissenschaftliche Dissertation kaum als Lektüre für ein breites, historisch interessiertes Publikum geeignet ist. Dafür ist ihre Terminologie zu anspruchsvoll. Zwar ist die Arbeit brillant geschrieben, aber der Autor hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur deskriptiv an das Thema heranzugehen, sondern auch die Ergebnisse seiner statistischen Forschung in den Text einzuarbeiten. Das macht den Zugang zu der Materie naturgemäß schwieriger. Aber wer bereit ist, das Buch trotz dieser intellektuellen Barrieren durchzuarbeiten, wird mit einer eindrucksvollen Leistung konfrontiert. Rund um die Figur des Deserteurs wird in zahllosen Einzelheiten der Wahnsinn des hochtechnisierten Massenmordens demonstriert. Wer sich der Schlächterei entziehen wollte, galt, wie zu Wellingtons Zeiten, als "Abschaum der Erde".

          HENNING SCHLÜTER

          Weitere Themen

          Wer schoss auf Helmut Kohl?

          „Deutschland 89“ auf Amazon : Wer schoss auf Helmut Kohl?

          Vom lockeren Pastiche zum hölzernen Puzzle: Mit „Deutschland 89“ klingt die erfolgreiche Agentenserie aus. Im Vergleich zu zu den beiden früheren Staffeln fällt die dritte allerdings deutlich ab.

          Topmeldungen

          Es ist fünf vor zwölf: Agentur für Arbeit in Hamburg

          Beschäftigungsquote : Die Lücken der Arbeitslosenstatistik

          Viel mehr Menschen, als es die offizielle Quote zeigt, haben derzeit nichts zu tun. Das gilt auch für Deutschland, wo viele Menschen in Kurzarbeit gehen mussten.
          Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Markus Söder am Samstag in seinem Büro

          Rede beim virtuellen Parteitag : Großes Kino mit Markus Söder

          Der CSU-Chef erklärt den Delegierten ausführlich seine Corona-Politik und gibt sich dabei demonstrativ sprachsensibel. Eine zentrale Rolle bei der Inszenierung spielt eine Tasse – mit „Game of Thrones“-Motto.
          Nicht nur der Schalker Mark Uth (rechts) wollte gar nicht mehr hinsehen.

          1:3 gegen Bremen : Der nächste Schalker Absturz

          Nach dem 0:8 beim FC Bayern verlieren die Königsblauen auch das Duell der Krisenklubs. Ein Bremer Stürmer schießt Schalke im Alleingang ab. Und die Tage von Trainer David Wagner könnten bald gezählt sein.
          Blick in die Zukunft: Mitarbeiter am Zentrum für taktiles Internet in Dresden arbeiten mit einem Roboter

          Robotik-Standort Dresden : „Eine Riesenrevolution steht uns bevor“

          Dresden hat sich seit 1990 zu einem Hightech-Standort entwickelt. Das liegt an der Geschichte, vor allem aber an den Menschen. Sie haben sich schon oft neu erfunden. Bald will die Stadt zu den führenden Robotik-Zentren Europas gehören.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.