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Rezension: Sachbuch : 5,3 Millionen Gefallene

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Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg / Höchststand in den letzten Kriegsmonaten

          4 Min.

          Rüdiger Overmans: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg. Beiträge zur Militärgeschichte Band 46. R. Oldenbourg Verlag, München 1999. XIV, 367 Seiten, 78,- Mark.

          Warum wollte eigentlich keiner so recht ran an diese Zahlen? Schon die Wehrmachtführung war an präzisen Statistiken wenig interessiert. Aus ihrer Sicht war dies nur konsequent. Genaue Bilanzen erschienen damals weder politisch noch militärisch opportun.

          Nach 1945 wäre das dann anders gewesen. Doch scheint die deutsche Nachkriegsgesellschaft andere Sorgen gehabt zu haben. Angesichts persönlicher Schicksalsschläge schien eine so abstrakte Frage wie die nach der Gesamtsumme aller gefallenen deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs sekundär. Bezeichnend ist freilich, wie lange das öffentliche Desinteresse an diesem Aspekt der eigenen Geschichte anhielt, wie lange man sich mit Zahlen zufrieden gab, bei denen schon der Laie erkennen musste, dass sie ungenau und widersprüchlich waren. Die Schätzungen bewegten sich meist zwischen drei und vier Millionen, konnten aber auch sieben Millionen erreichen.

          Mit Zahlen dieser Größenordnung lässt sich freilich eines sicher belegen: Bei den deutschen militärischen Verlusten im Zweiten Weltkrieg handelt es sich nicht um ein Randthema. Sieht man einmal davon ab, dass sauber recherchierte Zahlenangaben einem öffentlichen Bedürfnis nach kompetenter Information entsprechen, so zeigen die Diskussionen über die Höhe der jüdischen Holocaust-Opfer oder die sowjetischen Toten des Zweiten Weltkriegs - die eine Zahl kann als geklärt gelten, die andere nicht -, wie viel politischer Zündstoff in der historischen Statistik steckt, in der große Ereignisse auf ihren kleinsten Nenner gebracht werden.

          Wenn Rüdiger Overmans sich als Erster dieser schwierigen wie entsagungsvollen Herausforderung gestellt hat, so war dies eigentlich längst überfällig. Doch ist der Zeitpunkt für sein Forschungsvorhaben kein Zufall: Die Verluststatistiken und Suchrecherchen lagen in den Händen von Organisationen, die über Jahrzehnte ganz nahe liegende humanitäre Aufgaben verfolgten. Sie bestehen nach wie vor, doch lässt sich wohl nur schwer bestreiten, dass die Bedeutung der hier gespeicherten Informationen zunehmend zu einer historischen wird.

          Die Deutsche Dienststelle in Berlin ist etwa so ein Fall; sie ist vermutlich die letzte deutsche Behörde, die noch von der Wehrmacht aufgebaut wurde und die sich seit 1939 mit nichts anderem beschäftigt als mit der Klärung der Schicksale deutscher Soldaten beider Weltkriege, mit großem Erfolg übrigens. Für eine umfassende sozialstatistische Untersuchung sind diese riesigen demographischen Halden des letzten großen Krieges, immerhin 20 Tonnen schwer, noch nie wirklich genutzt worden. Mit den Methoden der empirischen Sozialforschung hat Overmans Stichproben aus einem Teil der Millionen Karteien gezogen, diese ergänzt durch Ergebnisse verschiedener Suchdienste und berechnet, was der Weltkrieg für die deutschen Streitkräfte bedeutet hat: Zwischen 1935 und 1945 gehörten 17,3 Millionen Menschen zur Wehrmacht, zusammen mit der Waffen-SS gab es 18,2 Millionen deutsche Soldaten. Von ihnen sind 5,3 Millionen gefallen. Das heißt, dass "in Deutschland fast jede achte männliche Person - gerechnet vom Säugling bis zum Greis - im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen ist".

          Ein so knappes Ergebnis scheint wenig, doch schon allein das ist eine große Leistung. Trotzdem gibt sich Overmans nicht damit zufrieden. Er hat die Statistik einer umfassenden Interpretation unterzogen, so dass jene, die nicht mehr berichten konnten, von denen sich (oft) nicht mehr erhalten hat als wenige statistische Angaben, wieder schemenhaft sichtbar werden, und sei es nur als Gruppe. Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen und Fragen. Zum Beispiel aus dem Todeszeitpunkt. Dass gerade die Endphase des Zweiten Weltkriegs solche Verluste forderte, hatten bislang nicht einmal die Experten vermutet. Tatsächlich aber starben in den letzten zehn Monaten des Krieges so viele deutsche Soldaten wie in den vier Jahren zuvor, allein im August 1944 350 000, im Januar 1945 dann sogar 450 000. Wenn es mehr und mehr zum guten Ton gehört, die Protagonisten des 20. Juli zu demontieren, dann sollten solche Zahlen nachdenklich stimmen. Auch sonst ergeben sich allein aus diesem Teilaspekt viele neue Perspektiven. Als endgültig widerlegt können jetzt etwa jene langlebigen, immer wieder aufflammenden Spekulationen über angebliche alliierte Todes- oder Schweigelager gelten, in denen nach Vorstellung vieler Deutscher ganze Armeen spurlos verschwunden sein sollen.

          Aufschlussreich sind auch die Berechnungen zur durchschnittlichen Überlebenschance eines Wehrmachtssoldaten. Die verkürzte sich während des Krieges dramatisch. 1939 hatte ein frisch eingezogener Rekrut noch Aussicht auf eine Lebenszeit von 4,1 Jahren, 1941 auf 2,6, 1943 auf 1,2 und 1945 schließlich auf 0,1 Jahre. Befunde wie diese sagen viel über die Geschichte dieses Krieges und auch über die Mentalitäten und Strukturen der Wehrmacht. Diese hatten amerikanische Soziologen nach 1945 mit der Formel von der "Primärgruppe" (lies: Kameradschaft) zu beschreiben versucht, als sie eine Antwort auf die Frage finden wollten, warum ihr Gegner so lange und immer wieder so erfolgreich gekämpft hatte. Dieses Modell ist unlängst vehement in Frage gestellt worden. In seinem Buch über "Hitlers Wehrmacht" vertritt Omer Bartov die These, nicht die Primärgruppe, sondern die Nazi-Ideologie sei es gewesen, die aus den deutschen Soldaten wilde Kämpfer gemacht habe. Denn aufgrund der hohen Verluste habe es seit 1941/42 keine Primärgruppen mehr gegeben. Dass es in jeder Kampfeinheit "alte Hasen" gibt, die aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung lange überleben, hätte Bartov eigentlich schon bei Remarque nachlesen können. Nun hat Overmans sehr genau nachgerechnet und bewiesen, dass viele dieser erfahrenen Soldaten ",erst in den Jahren 1943/44 gestorben sind, während immer wieder jüngere einberufen wurden, die in zunehmend kürzeren Abständen starben".

          Man könnte noch über weitere interessante Ergebnisse berichten: Dass die Verlustquote des Heeres (31 Prozent) nicht signifikant niedriger war als die der Waffen-SS (34 Prozent). Dass die Kriegsverluste unter der wehrfähigen Bevölkerung in Österreich am niedrigsten lagen (8 Prozent), in den ehemaligen deutschen Ostgebieten aber am höchsten (20 Prozent). Dass der Wehrmachtführungsstab die Verluste des deutschen Ostheeres 1944 um ein Drittel, also um eine Million, niedriger ansetzte, als es tatsächlich der Fall war, was die Frage aufwirft, ob die Militärs noch mit Divisionen rechneten, die schon längst nicht mehr existierten.

          Schon die wenigen Beispiele zeigen: Rüdiger Overmans hat ein wirkliches Grundlagenwerk zu einem zentralen Aspekt des Zweiten Weltkriegs vorgelegt. In den Zeiten schnelllebiger Produktionen werden seine Ergebnisse Bestand haben, die hier gesetzten Standards werden sich voraussichtlich nicht so schnell überbieten lassen.

          Notwendig scheint das Buch auch unter einem anderen Gesichtspunkt. Mit Toten lässt sich leicht Schindluder treiben. Keine Ideologie, die ohne Märtyrer auskäme, kein Weltkrieg, an dessen Beginn nicht einige Opfer propagandistisch missbraucht würden. Die Toten deshalb zu vergessen hieße aber, den Missbrauch unter umgekehrten Vorzeichen fortzusetzen. Warum sollte hier der Vorwurf der Unfähigkeit zu trauern nicht ebenfalls gelten? Nachdem die Wissenschaft die deutschen Gefallenen des Zweiten Weltkriegs lange ignoriert hat, ist es gut, wenn man sich nun, 60 Jahre nach Kriegsbeginn, auch ihrer angenommen hat.

          CHRISTIAN HARTMANN

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