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: Revolutionäre Logik

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Alle politischen Debatten in Polen seit den Wahlsiegen der Zwillingsbrüder Lech und Jaroslaw Kaczynski im Herbst 2005 führen zurück in das Frühjahr 1989: Ist in den Verhandlungen am runden Tisch zwischen den Machthabern und der demokratischen Opposition damals das Ende der kommunistischen Diktatur herbeigeführt ...

          Alle politischen Debatten in Polen seit den Wahlsiegen der Zwillingsbrüder Lech und Jaroslaw Kaczynski im Herbst 2005 führen zurück in das Frühjahr 1989: Ist in den Verhandlungen am runden Tisch zwischen den Machthabern und der demokratischen Opposition damals das Ende der kommunistischen Diktatur herbeigeführt worden? Oder ist ihre Fortdauer in gewandelter Gestalt bis heute das Ergebnis? Die polnische Rechte sieht in diesen Verhandlungen schon seit Jahren einen "Verrat" durch die mehrheitlich liberalen oder linken Strömungen in der Gewerkschaft Solidarnosc entstammenden Unterhändler der Opposition. Mit den Kaczynskis ist diese Position, die viele Jahre nur am Rande des politischen Spektrums Widerhall fand, in die Regierung eingezogen. Dabei spielten die Zwillinge selbst in den Verhandlungen am runden Tisch - wie sie betonen - auf Oppositionsseite eine Schlüsselrolle.

          Die polnischen Kommunisten mussten infolge des runden Tisches schon im Sommer 1989 von der Regierung abtreten, Monate bevor die Massendemonstrationen in Leipzig, Berlin, Prag, Sofia und Bukarest das sozialistische System in Ostmitteleuropa zum Einsturz brachten. Dass die Polen die Speerspitze des Systemwechsels waren, hatte seinen Preis: Angesichts der in allen Nachbarstaaten noch unangetasteten Diktaturen musste die polnische Opposition bei der Regierungsübernahme im August 1989 zugestehen, dass die Macht der Kommunisten in einigen Kernbereichen unangetastet blieb. Das ist nach Ansicht der polnischen Rechten die Wurzel allen Übels im heutigen Polen.

          Die Kaczynskis teilen diese Haltung, verteidigen zugleich aber ihre damalige Rolle: "Wir waren der Ansicht, dass es jeden Preis wert war, den Kommunisten die Macht zu nehmen. Wenn wir die Macht nicht im Sturm nehmen können, dann eben in Etappen", sagt Jaroslaw Kaczynski. Der entscheidende Fehler wurde seiner Ansicht nach im Herbst 1989 gemacht: Als die Regime in allen Nachbarländern fielen, "musste man zum Generalangriff übergehen. Die ganze Macht übernehmen, den Präsidenten auswechseln, Parlamentswahlen herbeiführen. Das wurde nicht gemacht." In jenen Monaten, so Jaroslaw Kaczynski, wurde "die Chance auf eine solche Revolution verspielt". Es sei ein Schock für ihn gewesen, dass sich die einstigen Oppositionellen an Abmachungen mit den Kommunisten gebunden fühlten. Polen wurde das letzte Land in Ostmitteleuropa, in dem es freie Parlamentswahlen gab - 1991, zwei Jahre nach der Wende.

          Diese Äußerungen stammen aus dem in Polen im Sommer 2006 veröffentlichten Buch "Über zwei, die . . . Das Alphabet der Brüder Kaczynski" ("O dwóch takich . . . Alfabet braci Kaczynskich"), einem langen Interview, in dem die Zwillinge den polnischen Journalisten Piotr Zaremba und Michal Karnowski ihr Leben erzählen und ihr Weltbild darlegen. Die in der polnischen Publizistik beliebte Gattung des "Interview-Flusses" hat einen Vorzug, der auf den ersten Blick ein Nachteil zu sein scheint: Da sie mehr Gespräch als Frage und Antwort-Spiel sind, folgen die Texte oftmals sprunghaft den Assoziationen der Beteiligten. Doch gerade der Mangel an Ordnung lässt am Ende die Denkweise der Befragten klar zutage treten.

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