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: Rasche Folge

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Unter den Gletschern des Kalten Krieges lag vieles begraben, unter anderem auch einige Aktenbündel aus dem deutsch besetzten Estland. Es handelte sich um brisantes Material, kaum einer wußte davon: Deutsche und Esten, die im Dienst der deutschen Sicherheitspolizei und des SD gestanden waren, hatten akribisch Buch geführt über das, was sie in den Jahren 1941 bis 1944 taten.

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          Unter den Gletschern des Kalten Krieges lag vieles begraben, unter anderem auch einige Aktenbündel aus dem deutsch besetzten Estland. Es handelte sich um brisantes Material, kaum einer wußte davon: Deutsche und Esten, die im Dienst der deutschen Sicherheitspolizei und des SD gestanden waren, hatten akribisch Buch geführt über das, was sie in den Jahren 1941 bis 1944 taten. Ruth Bettina Birn hat diese Hinterlassenschaft im Staatsarchiv Tallinn aufgespürt. Auf ihrer Grundlage entwirft sie ein Bild der deutschen Besatzungsherrschaft "im Osten", das in seiner Präzision und seinem Detailreichtum seinesgleichen sucht. Auch in Estland, das in der rassistischen Hierarchie der deutschen Okkupanten doch einen hohen Platz einnahm, errichteten diese ein Schreckensregiment, auch hier waren es ganze Gruppen, die ihrem Rassenwahn und ihrer Intoleranz zum Opfer fielen: Juden, Kommunisten, Zigeuner, Kriegsgefangene oder jene, die man als "Asoziale" diskriminierte. Diese unbekannten Opfer erhalten nun wieder einen Namen und eine Biographie, aus "Fällen" werden Schicksale. Nicht allein dieser unverstellte Blick in den Mikrokosmos des deutschen Besatzungsalltags ist neu. Unbekannt war auch das Ausmaß der estnischen Kollaboration. Denn die Geschichte Estlands, dessen Unabhängigkeit erst 1918 begann, ist schwierig. Der Zweite Weltkrieg wurde für die kleine baltische Republik zu einem politischen Wechselbad: sowjetische (1940), deutsche (1941) und wiederum sowjetische Besatzung (1944) lösten sich in rascher Folge ab. Die Vernichtungskraft dieser totalitären Regime war groß, schon weil es ihnen gelang, vor Ort viele Kräfte zu entfesseln.

          Das neue Estland trägt schwer an seiner Vergangenheit; auch das thematisiert die Autorin in ihrem klugen Fazit. Doch hat sie mehr vorgelegt als nur eine weitere Regionalstudie der deutschen Besatzungsherrschaft in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das Prinzip der Kollaboration, das erschreckend reibungslose Zusammenspiel zwischen einer fremden Besatzungsmacht und einer einheimischen Verwaltung, wurde nur selten in dieser Eindringlichkeit beschrieben.

          CHRISTIAN HARTMANN

          Ruth Bettina Birn: Die Sicherheitspolizei in Estland 1941-1944. Eine Studie zur Kollaboration im Osten. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2006. 286 S., 34,90 [Euro].

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