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: Putin und Tschetschenien

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Anna Politkovskaja: Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg. Mit einem Vorwort von Dirk Sager. Dumont Literatur und Kunstverlag, Köln 2003. 336 Seiten, 16,90 Euro.Wer spricht schon noch von Tschetschenien? Wladimir Putin, der kurz nach Beginn des zweiten russischen Waffengangs gegen die ...

          Anna Politkovskaja: Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg. Mit einem Vorwort von Dirk Sager. Dumont Literatur und Kunstverlag, Köln 2003. 336 Seiten, 16,90 Euro.

          Wer spricht schon noch von Tschetschenien? Wladimir Putin, der kurz nach Beginn des zweiten russischen Waffengangs gegen die kleine Kaukasusrepublik vor mittlerweile dreieinhalb Jahren als Präsident in den Kreml eingezogen und damit zugleich zum obersten Kriegsherrn des Landes geworden war, braucht sich längst nicht mehr darum zu sorgen, auf der internationalen Bühne mit kritischen Fragen nach den dortigen Geschehnissen belästigt zu werden. Im Gegenteil. Hat er die Tschetschenen nicht erst kürzlich über eine neue Verfassung zur Regelung der künftigen Beziehungen zwischen Moskau und Grosnyj abstimmen lassen? Und ist von der russischen Staatsduma nicht jüngst eine Teilamnestie für tschetschenische Rebellen beschlossen worden? Nein, für Putin stellt der Krieg, seit er ihn unwidersprochen als Kampf gegen den transnationalen Terrorismus ausgeben kann, außenpolitisch keine Bürde mehr dar.

          Dabei befindet sich Tschetschenien nach wie vor in einem verheerenden Kriegszustand, ohne daß sich ein Ende absehen ließe. Wie schlimm die Lage immer noch ist, hat unter Einsatz ihres Lebens kaum jemand schonungsloser, aber auch persönlich engagierter dargestellt als die russische Journalistin Anna Politkovskaja. Sie hat sich auch von Drohungen der Staatsorgane bisher nie davon abhalten lassen, Tschetschenien wieder und wieder zu bereisen und detailliert zu dokumentieren, was ihr dort an Leid und Zynismus, an Brutalität und Habgier, an Hoffnungslosigkeit und Menschenverachtung begegnet ist. Die Autorin stellt nicht von ungefähr vornehmlich die russischen Truppen an den Pranger. Aus ihnen sei eine Soldateska übelster Art hervorgegangen, die raube und morde, sich selbst die Auslieferung von Leichen durch die Hinterbliebenen teuer bezahlen lasse und den "operativen Filtrationspunkten", wie die Verhör- und Folterstätten offiziell heißen, immer wieder neue "Verdächtige" zuführe.

          Grausamkeiten hat die mutige Journalistin selbst innerhalb der russischen Streitkräfte ausgemacht, die in einer Gesamtstärke von ungefähr 100000 Mann bei einer verbliebenen Gesamtbevölkerung von etwa 600000 Tschetschenen nach amtlichen Angaben gegen 2000 Rebellen kämpfen. Die Autorin berichtet von Offizieren, die ihre Untergebenen wie Sklaven behandelten und sie zur Eintreibung von Lösegeld und der letzten Habseligkeiten der drangsalierten Tschetschenen anhielten. Von militärgerichtlicher Verfolgung solcher Befehlsgeber, die Anna Politkovskaja zum Teil namentlich anführt, könne indes keine Rede sein.

          Die unendlich erscheinende Chronik der Greueltaten läßt freilich auch die Gegenseite nicht außer acht, die sich nach Darstellung der Autorin aus drei Hauptgruppen zusammensetzt: aus den nach Europa orientierten "Westlern" unter dem im Untergrund operierenden tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow, aus den "Arabern" unter dem militanten Rebellenführer Schamil Bassajew, die eine Islamisierung Tschetscheniens anstrebten und im übrigen für Geld zu allem fähig seien, sowie aus einer "dritten Macht", die Rache an den russischen Truppen zu üben suche für ermordete oder verschwundene Angehörige.

          Was die Autorin dem Kremlherrn Putin vor allem vorwirft, ist seine strikte Weigerung, mit Maschadow als dem einst frei gewählten tschetschenischen Präsidenten Verhandlungen aufzunehmen. Allerdings weist sie zugleich darauf hin, daß Maschadow kaum noch über nennenswerten Einfluß unter den verschiedenen, ihrerseits untereinander zerstrittenen Rebellengruppen verfüge. Ihr resignierender Schluß: "Wenn die Methoden, mit denen dieser Krieg geführt wird, zu irgendwas taugen, dann dazu, dem Terrorismus weitere Kräfte zuzuführen, neuen Widerstand zu entfachen, Haß zu schüren und den Wunsch nach blutiger Vergeltung zu wecken."

          Wem aber nützt dieser Krieg, wer "braucht" ihn? Auch darauf gibt Anna Politkovskaja eine deprimierende Antwort. Es seien in erster Linie die russischen Militärs, die sich in Zusammenarbeit mit Banden der tschetschenischen Mafia hemmungslos an der illegalen Förderung und Verarbeitung von Erdöl bereicherten. Das wiederum habe eine zusätzliche Demoralisierung der unterversorgten Soldaten zur Folge, die ihren Ausdruck in einer nicht nachlassenden Brutalität gegenüber der tschetschenischen Bevölkerung finde. Den einzigen Ausweg aus diesem Krieg, der bereits 1994 unter Boris Jelzin seinen Anfang nahm, sieht die Autorin darin, Tschetschenien einem "internationalen Protektorat" zu unterstellen. An eine solche Möglichkeit mag sie allerdings selbst nicht glauben.

          WERNER ADAM

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