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: Preußens große Soloreiterin

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In der wohl berechtigten Annahme, dass der 100. Geburtstag der Gräfin Dönhoff am 2. Dezember nächsten Jahres uns eine Vielzahl huldigender Publikationen über die einstige Doyenne des deutschen Journalismus bescheren werde, legt Klaus Harpprecht seinen Beitrag zum Jubiläum bereits jetzt vor. Seine ...

          In der wohl berechtigten Annahme, dass der 100. Geburtstag der Gräfin Dönhoff am 2. Dezember nächsten Jahres uns eine Vielzahl huldigender Publikationen über die einstige Doyenne des deutschen Journalismus bescheren werde, legt Klaus Harpprecht seinen Beitrag zum Jubiläum bereits jetzt vor. Seine Biographie stellt zweifellos den bisher gewichtigsten Versuch dar, Persönlichkeit und Lebensleistung der langjährigen "Zeit"-Herausgeberin umfassend zu würdigen. Für seine Recherchen konnte er sich auf reiches, bisher teilweise unzugängliches Archivmaterial, vor allem private Briefwechsel, stützen. Hat diese erweiterte Quellenkenntnis dem Autor auch zu einer neuen Sicht auf seine "Heldin" verholfen, deren Erscheinungsbild bisher weithin von ihren Eigendarstellungen bestimmt war?

          Unter diesen autobiographischen Zeugnissen steht die Schilderung ihrer Flucht aus Ostpreußen Ende Januar 1945 nicht nur hinsichtlich ihrer Entstehungszeit an erster Stelle. Eine Kurzfassung des Textes erschien 1946 als zweiter Beitrag aus der Feder der frischgebackenen Redakteurin in der "Zeit". Mit Recht stellt Harpprecht fest, dass Dönhoffs Erlebnisbericht "zum Fundament ihres Ruhmes als Autorin werden sollte". Dass der Biograph gerade zur Vorgeschichte des schicksalhaften Aufbruchs nach Westen ein bisher unbekanntes Dokument beibringt, lässt aufhorchen. Die Rede ist von einem Brief der Gräfin an einen alten Bekannten, den Königsberger Universitätsprofessor Walter F. Otto, vom November 1944. Schon zu jenem Zeitpunkt erachtete die damalige Gutsherrin auf Quittainen die Eroberung Ostpreußens durch die Sowjets als unabwendbar und die Möglichkeit eines geregelten kollektiven Abzugs als illusorisch. Da sie "es für hoffnungslos halte, wenn die ganze Provinz erst einmal unterwegs ist, überhaupt noch vorwärts, geschweige denn über eine der Brücken, zu kommen" - so Marion Dönhoff an Otto am 1. November 1944 -, beabsichtige sie, sich "mit dem Reitpferd zu verselbständigen und allmählich gen Westen zu reiten".

          Harpprecht lobt die Ostpreußin dafür, "längst vorausgesehen" zu haben, "dass der Treck keine Chance hatte, das andere Weichselufer zu erreichen", und Wochen zuvor geplant zu haben, sich im gegebenen Moment "von den Quittainern", also ihren Gutsleuten, zu trennen, um den Soloritt nach Westen anzutreten. Er stößt sich nicht daran, dass sie in ihrer veröffentlichten Darstellung ("Nach Osten fuhr keiner mehr") die Dinge doch merklich anders präsentiert. Hier sind es die Quittainer, die "alle miteinander . . . beschlossen" hatten, die Gräfin solle versuchen, mit dem Pferd nach Westen durchzukommen, während sie, die Gutsleute, zurückbleiben und "nun eben in Zukunft für die Russen die Kühe melken . . . würden". Angesichts des scharf autoritären Führungsstils, den verlässliche Zeugen der Gutsherrin Dönhoff bescheinigen, erschien die Geschichte von dem ihr durch "Volksentscheid" verordneten Alleinritt schon bisher wenig glaubwürdig. Im Lichte ihres Briefes an Otto, wo sie nahezu drei Monate im Voraus die Absicht, auf eigene Faust zu entkommen, ankündigt, erweist sich die spätere Version als Versuch zur Rechtfertigung eines doch recht problematischen Verhaltens. Letzterem Zweck dient auch Marion Dönhoffs rückblickende Behauptung, weder sie noch ihre Arbeiter hätten im Moment ihres Aufbruchs ahnen können, welches grausame Schicksal die Zurückgebliebenen erwarten würde. Dabei erinnert die Gräfin selbst in ihrem veröffentlichten Fluchtbericht daran, dass das Regime den Meldungen über sowjetische Greueltaten an der Zivilbevölkerung im ostpreußischen Nemmersdorf (Oktober 1944) weiteste Publizität verschafft hatte. Auch unter dem Eindruck dieser - für einmal auf Tatsachen beruhenden - Propagandakampagne hätten es die Quittainer Gutsleute in Wirklichkeit wohl vorgezogen, wie ihre unmittelbaren Nachbarn auf dem Dohnaschen Gut Schlobitten, die Flucht im Treck zu wagen. Weit über dreihundert Schlobittern gelang das von Marion Dönhoff von vornherein für aussichtslos Gehaltene: Unter Führung des Gutsherrn kam ihr Treck im März 1945 in Niedersachsen an.

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