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: Politisch machtlos, gesellschaftlich stark

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War die DDR ein Arbeiter-und-Bauern-Staat oder eine "betriebszentrierte Arbeitsgesellschaft"? Schon die erste, von der SED unablässig wiederholte Selbststilisierung ist unzutreffend, weil Bauern im anderen deutschen Staat weniger als zehn Prozent ausmachten. Aber auch in der zweiten Begriffsfassung heutiger ...

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          War die DDR ein Arbeiter-und-Bauern-Staat oder eine "betriebszentrierte Arbeitsgesellschaft"? Schon die erste, von der SED unablässig wiederholte Selbststilisierung ist unzutreffend, weil Bauern im anderen deutschen Staat weniger als zehn Prozent ausmachten. Aber auch in der zweiten Begriffsfassung heutiger Forschung geht die politische und soziale Realität "der Werktätigen" in der DDR nicht völlig auf. Was bedeutete es, Arbeiter im Arbeiterstaat zu sein? Dies ist keineswegs eine müßige Frage, die nach dem Verschwinden des SED-Staates einfach ad acta gelegt werden kann, da sie angeblich nicht mehr relevant sei. Vielmehr haben Millionen von Deutschen als Arbeiter (und Angestellte) in der DDR gelebt und sind davon geprägt worden - bis heute.

          Meinungsumfragen im wiedervereinten Deutschland haben wiederholt erwiesen, dass soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit für ehemalige DDR-Bürger einen höheren Stellenwert aufweisen als für Westdeutsche. Doch war die "führende Klasse" im anderen deutschen Staat tatsächlich auch die führende Klasse? Auf den ersten Blick handelte es sich um ein sozialistisches Herrschafts-, Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das die Geschichte der Arbeiterbewegung missionarisch zu vollenden behauptete. Auf den zweiten Blick indes usurpierte es deren freiheitliche Traditionen und zerstörte sie zum größten Teil. Doch obwohl eine selbsternannte Avantgarde sich zur "Vorhut" der Arbeiterklasse erklärte, mit sowjetischer Hilfe deren Führung übernahm und sich dann völlig verselbständigte - erinnert sei nur an Wandlitz -, konnte auch sie auf die politische und historische Legitimation der Arbeiterbewegung niemals verzichten. Das ergibt eine schwierige, im Lauf von vierzig Jahren DDR-Geschichte sich immer wieder verändernde Konstellation, die gleichwohl zwischen drei Determinanten festgezurrt blieb: zwischen internationaler, speziell deutscher Tradition der Arbeiterbewegung, zwischen realsozialistischer Diktatur sowjetischer Provenienz und schließlich dem westdeutschen Klassenfeind, dessen kapitalistischer Wohlfahrtsstaat allzeit Referenzmodell und Vergleichsmaßstab in einem verkörperte. Das galt für die Arbeiterschaft wie für die SED selbst.

          Doch selbst im Interpretament einer "verstaatlichten Arbeiterbewegung" geht und ging das Leben der werktätigen Klasse in der DDR nicht völlig auf. Folgerichtig beschäftigt sich Christoph Kleßmann in seinem opus magnum ausführlich mit der sozialen und ökonomischen Entwicklung der Arbeiterschaft im ehemaligen anderen deutschen Staat. Dabei stützt er sich auf eine beeindruckende Fülle unterschiedlichster Quellen, unter Einschluss auch und nicht zuletzt zeitgenössischen Materials aus der früheren Bundesrepublik. Eine durchweg differenziert abwägende Quellenkritik zeichnet sein Werk ebenso aus wie die souveräne Kenntnis einer kaum mehr überschaubaren Literatur.

          Was sind die Ergebnisse und Erkenntnisse dieser Darstellung, die so umfassend wie detailliert die Geschichte von Arbeitern im Arbeiterstaat DDR in der Ulbricht-Zeit beschreibt und analysiert? Deutlich wird zunächst, dass die Arbeiterbewegung und ihre Traditionen trotz unnachsichtiger Verfolgung durch die Nationalsozialisten keineswegs völlig zerstört waren. Das zeigte schon ihr hinhaltender Widerstand gegen die Institutionalisierung des FDGB als Pseudogewerkschaft beziehungsweise sowjetischer Gewerkschaftstyp, dem vor allem die Funktion der Produktivitätssteigerung oblag. Es kostete die SED daher nicht wenig Mühe, mehr noch aber fast jede Reputation, der Arbeiterschaft dieses Modell aufzuzwingen. Ebenso wenig trat die Arbeiterklasse im sich entwickelnden sozialistischen Staat als "geschlossene Kraft" auf, wie es die jahrzehntelange Propaganda verkündete.

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