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: Polen und seine Juden

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Warum Polen den ersten Platz in der Hierarchie der Opfer beansprucht und den Juden immer irgendwie eine Mitschuld an ihren Leiden zuweist, macht der Bericht Primo Levis erahnbar: Nach seiner Befreiung aus dem KZ Auschwitz kam er mit Anwohnern ins Gespräch. Sie schienen von der nahen Mordmaschinerie nichts zu wissen.

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          Warum Polen den ersten Platz in der Hierarchie der Opfer beansprucht und den Juden immer irgendwie eine Mitschuld an ihren Leiden zuweist, macht der Bericht Primo Levis erahnbar: Nach seiner Befreiung aus dem KZ Auschwitz kam er mit Anwohnern ins Gespräch. Sie schienen von der nahen Mordmaschinerie nichts zu wissen. Ein Anwalt gab Levi den Rat, nicht als Jude, sondern als italienischer Kriegsgefangener aufzutreten. Das sei das Beste für ihn, fuhr der Anwalt auf Französisch fort, denn der Krieg sei nicht zu Ende.

          Seine Geschichte, Vorgeschichte und Folgen mit dem Holocaust "als Epochenscheide des Antisemitismus" (Herbert Strauss) hat die 1973 geborene Agnieszka Pufelska aus der bleiernen Flut der Verdrängung, aus den Verliesen der Ressentiments ans Licht gehoben. Nicht zuletzt für eine Geschichte Polens aus der Perspektive polnischer Juden. Sie verkörperten für Polen die "Judäo-Kommune", die den polnischen weißen Adler mit Davidstern sowie Hammer und Sichel bedrängte, verhöhnte, befleckte, seit Polens Juden eine hellere Zukunft aus der Strahlkraft der Oktoberrevolution für sich erwarteten - mit entsprechenden Sympathien für Russland, den Unterdrücker Polens seit 1815. In wiederkehrenden Schüben stigmatisierte seit alters her die nationalklerikale Tradition Polens Juden zum "Antichrist", zum "ganz Anderen" im Sinne Carl Schmitts, zur "Internation" ohne Vaterland, ohne Patriotenstolz, aber mit weitvernetzten Geschäftsbeziehungen. Wer sich assimilierte, machte sich besonders verdächtig.

          Die Teilungen Polens, vergebliche Aufstände dagegen setzten 1918/19 mit dem Wiedererstehen des polnischen Staates große nationale Begeisterung frei. Im Krieg gegen Russland schien "das Wunder an der Weichsel" (August 1920) und der Frieden von Riga Polens Auserwähltheit zu bekräftigen. Mit den neuen Großmachtvisionen flutete ein Feindbedürfnis auf, das sich wiederum gegen die Juden, nun aber verdoppelt, richtete. Man mied oder bekämpfte sie als heimliche Statthalter Moskaus, als polnische Vertreter des Semitismus, Zionismus und Kommunismus. Pogrome und subtile Niedertracht der Behörden hintertrieben die politische Emanzipation der Juden. Ihre "Unsichtbarkeit" in Entspannungsphasen verwies auf hinterhältige Gefährlichkeit, während Moskau und Berlin die Umklammerung Polens besorgten. So galt der Rapallo-Vertrag als Machwerk der Juden Rathenau und Tschischerin.

          Der Widerstand polnischer Patrioten gegen die radikale Umsetzung des Hitler-Stalin-Pakts ab September 1939 bildete sich zugleich zum hagiographischen Mythos. Er deckte vielerorts Gleichgültigkeit gegenüber dem jüdischen Schicksal. "Zu den Schattenseiten der Selbststilisierung gehörte schließlich, dass es den Besatzern oft leicht gemacht wurde, jüdische Bürger zu liquidieren", schreibt Frau Pufelska. Obgleich von drei Millionen Juden 90 Prozent den Krieg nicht überlebt hatten, galten Juden als Kriegsgewinnler aufgrund ihrer exponierten Aktivitäten bei der Sowjetisierung Polens: "Tatsächlich war das Gerede von den an der Macht befindlichen Juden bisweilen schwer zu entkräften, denn der Prozentsatz von Juden in Schlüsselpositionen im Staats- und Sicherheitsapparat lag im Vergleich zu ihrem Anteil an der Bevölkerung deutlich über dem der Nichtjuden." De facto wurde das "Zentralkomitee der Juden in Polen" eine Regierungsorganisation. Die Massenrepatriierungen aus Russland verstärkten den Hass, weil Juden die Rückgabe der von Deutschen okkupierten Besitztümer verlangten, die sich zwischenzeitlich polnische Nachbarn angeeignet hatten. Ähnlich eskalierte die Judenfeindschaft in Bulgarien, Rumänien, Ungarn, der Tschechoslowakei. In Lodz streikten 3000 Arbeiter: "Wir wollen keinen Juden als Direktor." Außerordentlich geschmeidig nutzte Stalin den polnischen Nationalismus zur Festigung des kommunistischen Regimes. "Die Massen", so Wladyslaw Gomulka, "sollen uns für eine polnische Partei halten." Juden erhielten Schutz, aber Ministerpräsident Osobka-Morawski machte deutlich, "dass die Regierung nicht beabsichtigt, die Emigration der jüdischen Bevölkerung zu verhindern". Ziel war generell ein Polen ohne nationale Minderheiten.

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