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: Pflege von Ressentiments

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Der Autor hat mit diesem Band eine Trilogie zur Geschichte des Auswärtigen Amts vorgelegt. Der erste Band (1987 erschienen) behandelte die Personalpolitik im Dritten Reich; beim zweiten (1995) mit dem Titel "Verschworene Gesellschaft" begann dem Autor schon die Luft auszugehen, denn der Nachweis ...

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          Der Autor hat mit diesem Band eine Trilogie zur Geschichte des Auswärtigen Amts vorgelegt. Der erste Band (1987 erschienen) behandelte die Personalpolitik im Dritten Reich; beim zweiten (1995) mit dem Titel "Verschworene Gesellschaft" begann dem Autor schon die Luft auszugehen, denn der Nachweis der nationalsozialistischen Kontinuität nach 1945 war nicht überzeugend gelungen. Sein Hauptanliegen bestand im Nachweis einer möglichst hohen Zahl von Mitgliedern der NSDAP und SS im diplomatischen Dienst seit 1933 mit dem Ziel, die Verstrickung von Diplomaten in das Regime bis zur Mitwirkung an der "Endlösung" nachzuweisen. Denn für ihn steht fest, daß das Auswärtige Amt "zutiefst" in diese verstrickt war und deren "organisatorische Effizienz . . . nachweislich gefördert" hat.

          Döscher will damit deutlich machen, daß Diplomaten der nationalsozialistischen Zeit nur nach gründlicher Überprüfung wieder in den Auswärtigen Dienst hätten gelangen dürfen. Statt dessen aber registriert er als Ergebnis einer geschickten Personalpolitik, daß die Diplomaten der Wilhelmstraße wieder die Schaltstellen des AA besetzten. Der vorliegende Band ist eine Art Zusammenfassung der zuvor erschienenen Bücher, in der Tendenz noch zugespitzt und nur durch unwesentliche Quellenfunde angereichert. Die mangelnde Substanz in der Sache wird durch seitenlanges Zitieren aus einseitigen Quellen ersetzt. Bei der Publikation mag die Tatsache beflügelnd gewirkt haben, daß Bundesaußenminister Fischer im vergangenen Jahr dem verstorbenen Botschafter a. D. Franz Krapf das "ehrende Gedenken" in einem amtsinternen Mitteilungsblatt verweigert hatte, da er Mitglied der NSDAP gewesen sei. Das hat dann zu der einmaligen Aktion der großformatigen Traueranzeige ehemaliger Diplomaten geführt. Scheint nun die von Döscher so bitter vermißte Aufarbeitung des Amtes bevorzustehen? Vorerst ist es nur zu Bildung einer Historikerkommission gekommen.

          Es ist durchaus möglich, daß im Auswärtigen Dienst der Anteil von Parteimitgliedern vergleichsweise hoch war. Denn das Karrieredenken war durch die hohe Eingangsqualifikation stark ausgeprägt und vielleicht mehr noch durch das Ziel: als Gesandter oder gar Botschafter das Deutsche Reich zu repräsentieren. Wenn der Eintritt in die Partei förderlich zu sein schien, haben sicher nicht wenige dies wahrgenommen. Zuverlässige Zahlen gibt es allerdings nicht. Wie stark Karriereerwartungen aber das dienstliche Verhalten von Diplomaten selbst in gesicherten demokratischen Verhältnissen beeinflussen können, hat erst kürzlich die Visa-Affäre deutlich gemacht. Doch Döschers Methode ist es, durch Präsentation von Nazi-Diplomaten oder Diplomaten als Parteimitgliedern den Eindruck zu erwecken, als habe es im Dienst eine enge Vernetzung von Parteigenossen gegeben. Warum zählt er aber nicht mittels der Unterlagen des Document Center die genaue Zahl der Pg.s aus und nennt deren Eintrittsdatum? Soviel sozialwissenschaftliches Handwerkszeug muß vorhanden sein.

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