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: Pflege der Rückentwicklung

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"Der Alldeutsche Verband will in allen Deutschen eine auf Treue und Liebe zur deutschen Eigenart gegründete völkische Gesinnung und einen nur auf das Wohl der deutschen Volkgesamtheit gerichteten völkischen Willen erwecken." Aufgabe sei die "Erhaltung, Pflege und Entwicklung des deutschen Volkstums".

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          "Der Alldeutsche Verband will in allen Deutschen eine auf Treue und Liebe zur deutschen Eigenart gegründete völkische Gesinnung und einen nur auf das Wohl der deutschen Volkgesamtheit gerichteten völkischen Willen erwecken." Aufgabe sei die "Erhaltung, Pflege und Entwicklung des deutschen Volkstums". Die "planmäßige rassische Höherentwicklung des deutschen Volkes" sollte durch "Auslese und Förderung aller im Sinne guter deutscher Art hervorragend Begabten" erfolgen. Auf der anderen Seite sei allen Kräften entgegenzutreten, "welche die völkische Entwicklung des deutschen Volkes hemmen oder schädigen, insbesondere der Fremdsucht und der auf fast allen staatlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Gebieten bestehenden jüdischen Vorherrschaft". So formulierte der 1891 gegründete Alldeutsche Verband seine Ziele in der Satzung von 1919. Er stellte eine wesentliche organisatorische und ideologische Konstante der sogenannten "völkischen Bewegung" in Deutschland vom Kaiserreich bis zum "Dritten Reich" dar.

          Noch in den 1870er Jahren wurde vorgeschlagen, mit dem Wort "völkisch" das aus dem Lateinischen stammende Wort "national" zu ersetzen. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich "völkisch" als konkurrierender politischer Kampfbegriff durchgesetzt, der gerade in der Zeit zwischen den Weltkriegen inflationär benutzt wurde, was nicht unbedingt zur inhaltlichen Klarheit beitrug. Insofern überrascht es nicht, dass mit der Bezeichnung "völkische Bewegung" sehr heterogene, zum Teil gegenläufige Strömungen, Ideologien, Gruppierungen und Einzelpersonen zusammengefasst werden. Der Terminus "völkisch" ist seit mehr als einem Jahrhundert umstritten. Als kleinster gemeinsamer Nenner werden mit diesem Adjektiv Einstellungen und Organisationen beschrieben, die sich auf ein Volk beziehen, das nicht mit der Bevölkerung eines Staates identisch sein muss, sondern zumeist - wie im Falle des Deutschen Reichs - über diese hinausgeht. Grundlage dieses Verständnisses ist zumeist ein rassistisches Denken, in dem bestimmte "Rassemerkmale" für die Definition des Volksbegriffs herangezogen werden.

          In diesem Denken finden sich (lebens-)reformerische, eugenische, kulturelle und religiöse Strömungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf den als krisenhaft erlebten Modernisierungsprozess reagierten, indem sie auf traditionelle, nun radikalisierte Begriffe und Deutungsmuster zurückgriffen. Die "völkische Bewegung" bot Entwürfe einer alternativen Moderne an; sie war eine vornehmlich negativ definierte Gegenbewegung, charakterisiert durch Antisemitismus, Antislawismus, Antiromanismus, Antiurbanismus und Antiinternationalismus. Gesucht wurden angeblich durch jahrhundertelange Überfremdungsprozesse verschüttete Wesens- und Charaktermerkmale der Deutschen und ihrer Kultur. Ziel war eine als "Wiedergeburt" verstandene Erneuerung Deutschlands und der Deutschen. Sozial war die "völkische Bewegung" vor allem im männlichen protestantischen bürgerlichen Mittelstand verankert.

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