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: Persilschein und Flugschein

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Leider nutzt der Verfasser die Gelegenheit nicht, um auf diesem Nachholgebiet der historischen Unternehmensforschung stilbildend zu wirken. Obwohl - von drei seiner Mitarbeiter mühsam erschlossen - ein eindrucksvolles Firmenarchiv entstanden ist, bleibt er dem Leser Belege und Referenzen für nahezu alle seine Aussagen und Informationen schuldig. Eine der wenigen Ausnahmen bildet das Privatgutachten des Berliner Antisemitismusforschers Wolfgang Benz, der Karl Diehl Ende der neunziger Jahre offenbar einen "Persilschein" ausstellte, weil der Firmenpatriarch sich des Vorwurfs der Ausbeutung von Zwangsarbeitern erwehren mußte. Allerdings beschränkt sich Schöllgen darauf, aus der veröffentlichten Zusammenfassung zu zitieren; das Gutachten selbst bleibt wohl im Familientresor. Warum der hochdekorierte Wehrwirtschaftsführer, Aktivist des Speerschen Rüstungsapparates und Führer eines "Kriegsmusterbetriebs", der im April 1933 in die NSDAP eintrat, in den Augen des Gutachters Benz "im landläufigen Verständnis . . . kein Nazi" gewesen sei, wird also weiter ein Rätsel bleiben müssen.

Auch in anderen Fragen entspricht die Diskretion Schöllgens eher den Usancen von "Deutschlands diskretestem Milliarden-Konzern" als der legitimen Neugier der Leser. Immerhin bestätigt er zwischen den Zeilen, daß die Berichterstattung des "Spiegel" über die Skandale der Ära Strauß den Sachverhalt gut wiedergibt. Die Rolle, die Diehl in der bayerischen High-Tech-Strategie des CSU-Vorsitzenden spielte, wird zwar bestätigt, aber ebenfalls nicht näher erörtert. Dem Leser muß genügen, daß die Firma in der Staatsregierung immer "ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte" fand. Immerhin erfährt man, daß Hobbypilot Karl Diehl seinem "Weggefährten" Strauß seit den sechziger Jahren regelmäßig Firmenflugzeuge überließ, die "nicht nur mit dem ,Üblichen' betankt" waren. Gerade in politisch sensiblen Fragen muß sich Schöllgen im wesentlichen auf die Presseberichterstattung stützen, die auch sonst zu seinen wichtigsten Quellen zählt.

Andere, gerade für Familienunternehmen wichtige Themen behandelt die Studie dagegen dicht und anspruchsvoll. Dazu gehört die erfolgreiche Lösung des Nachfolgeproblems in der Unternehmensführung, die Rolle externer Berater und interner "grauer Eminenzen", die überaus flexible Politik der Akquisition und der Trennung von neuen und alten Geschäftsbereichen, die Eigenarten und Praxis des sozialen Systems der Produktion in einem Familienkonzern und schließlich die ebenso übermächtige wie verletzliche Rolle des Eigentümers als Unternehmer, die letzten Endes über den Erfolg der Firma entscheidet. Hier bietet die vorliegende Arbeit eine Fülle von Erkenntnissen, die sich aus der Geschichte von Großunternehmen nicht gewinnen ließen.

Spannend ist der Einblick, den Schöllgen in die Auswirkungen des weltpolitischen Umbruchs der frühen neunziger Jahre auf den Rüstungskonzern ermöglicht. Nur für kurze Zeit wollte man in Nürnberg die aus dem Verlangen nach Friedensdividenden entstandene Nachfragelücke durch Konversion von Rüstungsgütern in zivile Verwendungen kompensieren. Dann besann sich die neue Unternehmensleitung unter Karl Diehls jüngstem Sohn Thomas aber wieder auf ihre Stärken, baute den Anteil an der Luftfahrttechnik aus und konsolidierte die Wehrtechnik durch Konzentration auf Lenkflugkörper und "intelligente" Munition bei einem Drittel des Gesamtumsatzes.

Schöllgens Geschichte des Familienunternehmens Diehl bleibt zwar in vielem hinter dem zurück, was in der historischen Unternehmensforschung inzwischen Standard ist. Angesichts der immensen Probleme, vor die den Historiker dieses delikate Genre stellt, ist aber ein wichtiger Anfang gemacht, um auch dort Anschluß zu finden.

WERNER ABELSHAUSER

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