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: Permanenter Klassenkampf

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Jüdisches Schicksal in Deutschland - eine Biographie reflektiert es auf exemplarische Weise. Adalbert Frank, Jahrgang 1895, ungarischer Staatsangehöriger, Jude, Kriegsteilnehmer auf österreichisch-ungarischer Seite, lebte seit 1922 auf Rügen. Im Laufe weniger Jahre wurde der aufstrebende Hotelier ...

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          Jüdisches Schicksal in Deutschland - eine Biographie reflektiert es auf exemplarische Weise. Adalbert Frank, Jahrgang 1895, ungarischer Staatsangehöriger, Jude, Kriegsteilnehmer auf österreichisch-ungarischer Seite, lebte seit 1922 auf Rügen. Im Laufe weniger Jahre wurde der aufstrebende Hotelier Miteigentümer zweier Hotels in Binz und einer Pension in Sellin, deren Betrieb er nach Hitlers "Machtergreifung" trotz fortgesetzter Schikanen noch längere Zeit aufrechterhalten konnte. 1937 wurde er im Zuge der sogenannten Arisierung jüdischen Eigentums zum Verkauf gezwungen, blieb indes von judenfeindlichen Exzessen persönlich noch verschont. Als Frank 1940 von der Gestapo in Haft genommen wurde, kam er dank seiner ungarischen Staatsangehörigkeit nach Intervention der Botschaft seines Heimatlandes binnen kurzem wieder frei, wurde aber nach Ungarn abgeschoben. Im Oktober 1944 in Budapest wieder festgenommen, gelang ihm auf dem Transport ins KZ die Flucht. Nach Monaten der Illegalität erlebte er im Januar 1945 seine Befreiung durch die Rote Armee.

          In der selbstverständlichen Erwartung, sein früheres Eigentum wiederzuerlangen, kehrte er in der Nachkriegszeit zurück nach Rügen, vermochte allerdings nur durchzusetzen, dass er als Treuhänder seiner früheren Hotels eingesetzt wurde. Restitution war für die SED tabu. Vollends zunichte wurden seine Hoffnungen 1953 im Zuge der "Aktion Rose", in deren Verlauf die SED über sechshundert Hotels, Pensionen, Restaurants und Cafés sowie Immobilien willkürlich enteignen ließ. Etwa vierhundert Betroffene wurden kurzerhand verhaftet - auch Frank, der am 17. April vom Kreisgericht Bützow zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde: wegen "Sabotage", "schwerer Untreue" und "Angriffs auf das Volkseigentum". Aus Sicht der SED schien er doppelt belastet: "Zionist" und "Kapitalist". Nach fast vier Zuchthausjahren wurde er im Oktober 1956 "vorzeitig" entlassen. Er flüchtete nach West-Berlin, wo er 1962 verstarb.

          Zu Recht hebt Jan Philip Spannuth dieses Schicksal in der Einleitung seiner Untersuchung zur materiellen Wiedergutmachung von an Juden begangenem Unrecht hervor. Es wirft ein Schlaglicht auf den bestürzenden Sachverhalt, wonach der Ost-Staat nach 1945 Nutznießer der "Arisierung" jüdischen Besitzes wurde. Aus "Reichseigentum" wurde nicht selten "Volkseigentum". Die einzige Restitution, die das SBZ/DDR-Regime zugestand, betraf die Rückerstattung beschlagnahmten Eigentums an die jüdischen Gemeinden - sie basierte auf dem am 29. April 1948 erlassenen SMAD-Befehl Nr. 82.

          Solange die SED die Macht innehatte, blieb ihre Verweigerungshaltung in der Wiedergutmachungs- und Entschädigungsfrage unverändert. Die Weichen waren schon wenige Tage vor Gründung der DDR durch Anordnung der Deutschen Wirtschaftskommission vom 5. Oktober 1949 "zur Sicherung der rechtlichen Stellung der anerkannten Verfolgten des Nazi-Regimes" gestellt. Sie regelte Leistungen für überlebende Opfer des Faschismus in der Sozial- und Gesundheitsfürsorge, enthielt zu materiellen Entschädigungen aber kein Wort. Für Juden schon gar nicht! Die SED-Politbürokratie sah die Arisierungspolitik des nationalsozialistischen Regimes, wie Spannuth klar herausarbeitet, unter dem Aspekt des Klassenkampfes. Keine Entschädigung für "jüdische Kapitalisten". Paul Merker, vormals Politbüro-Mitglied, wurde wegen seiner gegensätzlichen Haltung als "Agent des Zionismus" gebrandmarkt. Er büßte dafür mit über drei Jahren Stasi-Haft.

          Vor diesem historischen Hintergrund untersucht der Autor in neun Kapiteln zunächst den Entzug jüdischen Eigentums im Wege der "Arisierung" 1933 bis 1945 und danach den Umgang der SED mit der Rückerstattungsproblematik in Ost-Berlin und den Ländern der SBZ/DDR, speziell in Thüringen, das schon am 14. September 1945 ein vielversprechendes Wiedergutmachungsgesetz erhielt - initiiert von der thüringischen Landesverwaltung (nicht vom Landtag, wie Spannuth schreibt, der existierte noch gar nicht) und sanktioniert durch die Sowjetische Militäradministration. Es blieb bis 1952 in Kraft.

          Der Autor leuchtet die Wiedergutmachungspolitik in der SBZ/DDR bis 1989 aus, nicht zuletzt im Vergleich zur Bundesrepublik und dem Wiedergutmachungsabkommen mit Israel und der Jewish Claims Conference vom 10. September 1952, das die DDR gänzlich unbeeindruckt ließ. Schließlich arbeitet Spannuth in seiner gründlich recherchierten Arbeit auch die erst nach dem Fall der Mauer und im geeinten Deutschland einsetzende, bis heute nicht abgeschlossene Restitutionspolitik gegenüber den Juden in den neuen Ländern auf.

          KARL WILHELM FRICKE.

          Jan Philip Spannuth: Rückerstattung Ost. Der Umgang der DDR mit dem "arisierten" Eigentum der Juden und die Rückerstattung im wiedervereinigten Deutschland. Klartext Verlag, Essen 2007. 255 S., 27,90 [Euro].

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