https://www.faz.net/-gqz-s0n4

: Opium der Völker

  • Aktualisiert am

Das Ehepaar Trimondi hat 1990 die "Interkulturelle Gesellschaft für kreative Symbolforschung" gegründet - die Adjektive können ruhig auch schon einmal vertauscht werden -, und unter diesem Dach führen sie interkulturkritische Feldzüge gegen ihre eigene spirituelle Vergangenheit. Und das kam so: ...

          Das Ehepaar Trimondi hat 1990 die "Interkulturelle Gesellschaft für kreative Symbolforschung" gegründet - die Adjektive können ruhig auch schon einmal vertauscht werden -, und unter diesem Dach führen sie interkulturkritische Feldzüge gegen ihre eigene spirituelle Vergangenheit. Und das kam so: In seiner von ihm selbst so bezeichneten "revolutionären Phase" als Leiter des Trikont- (nicht etwa: Trimondi-)Verlages publizierte Victor Trimondi Texte von Guevara, Bommi Baumann und schließlich sogar Volker Elis Pilgrims "Manifest für den freien Mann". Daß danach eine "spirituelle Phase" unumgänglich wurde, liegt auf der Hand. Aus Trikont wurde Dianus Trikont, die New-Age-Bewegung lockte, und komplementär zu Büchern aus dieser und für diese Bewegung organisierte man spektakuläre Mega-Events mit dem Dalai Lama, Carl Friedrich von Weizsäcker, Fritjof Capra und anderen Geistesgrößen.

          Daß die gar zu leicht ins Poesiealbenhafte abdriftende Gemeinschaftsstimmung solcher Art Spiritualität ihn enttäuschte, ehrt den Autor. Andererseits muß man sich fragen, ob ihn die aus solcher Enttäuschung heraus entstandene "kulturkritische Phase" wirklich weitergeführt hat. Zunächst einmal negiert Trimondi, jetzt zusammen mit seiner Frau Victoria, einen großen Teil dessen, was ihm in der "spirituellen Phase" besonders wichtig war, zum Beispiel den tibetischen Buddhismus. Diese Kritik wird mit apostatischer Heftigkeit ins Allgemeine hochgeschleudert. So gut wie alle Religionen erscheinen den Trimondis nur noch als hochgefährliche Gewaltproduzenten. Aus den Basistexten aller Religionen, gleichviel ob es sich um die Bibel handelt, den Koran, die Vishnu Purana oder andere, könne man entnehmen, daß immer und überall der Weltuntergang gepredigt wird, in dessen Verlauf die Menschen zur Ehre Gottes oder der Götter einander schreckliche Taten antun oder solche erdulden müssen.

          Die Trimondis nennen dies die "apokalyptische Matrix", worunter sie den in allen Religionen gemeinsamen Subtext ihrer Endzeit-Erwartung verstehen. Da geht es immer um den Kampf des Guten gegen das Böse, wobei - wie in einem Hollywood-Film - das Böse zuweilen ganz nahe am Endsieg ist, bevor dann mit einer letzten Anstrengung das Gute doch noch siegt. In diesem Kampf fließt das Blut in Strömen, das Blut der Märtyrer ebenso wie das der Bösen, die es nicht anders verdient haben. Einzelne Bücher aus dem Alten Testament, die Offenbarung des Johannes aus dem Neuen Testament, eine Menge Stellen im Koran lassen sich so als Quellen der Blutrünstigkeit lesen. Und, so die These der Trimondis, in genau diesem Sinne werden sie heute auch von vielen gelesen - mit schlimmen Folgen für das Zusammenleben der Menschen.

          Es stimme einfach nicht, behaupten die Trimondis, daß der wahre Kern aller Religion friedlich, tolerant und gewaltfrei ist und jeglicher Fundamentalismus nur eine Abweichung davon. Die Weltreligionen trügen den geschichtlichen Stempel archaischer Gesellschaftsordnungen und Menschenbilder. Ihre Repräsentanten stünden deshalb vor einem höchst delikaten Problem. Sie müßten ihre Lehren im Grunde völlig neu fassen und alle gewalthaltigen Passagen aus ihren "Heiligen Schriften" entfernen. Versäumen sie das, besteht die Gefahr, daß die neuen Religionskriege die Weltkulturen zerstören. Wer in solchen Vorstellungen einen kleinen, aber scharfen apokalyptischen Unterton heraushört, braucht sich nicht erstaunt die Ohren zu reiben. Der Ambivalenz aller "großen Erzählungen", ob nun religiös oder säkular angelegt, entkommt niemand, auch nicht, wer sie entlarven will.

          Weitere Themen

          Augen- Saft und Tote- Mäuse-Wein Video-Seite öffnen

          Ideen für das Weihnachtsmenü? : Augen- Saft und Tote- Mäuse-Wein

          Das perfkte Weihnachtsmenü zu zaubern, ist eine Kunst. Aber vielleicht dient die „Disgusting Food Exhibition“ in New York als Inspirationsquelle. Wer schon immer mal Fischsperma- Sushi und Heuschrecken probieren wollte, wird hier fündig.

          Filmpremiere von autobiografischem Erfolgsroman Video-Seite öffnen

          Hape ist zurück : Filmpremiere von autobiografischem Erfolgsroman

          Im Film schlüpft Julius Weckauf in die Rolle des neunjährigen Hape Kerkeling. Der zehn Jahre alte Weckauf bekam die Rolle nachdem er sich laut Pressemitteilung der Produzenten „mit großer Spielfreude und mit seinem komödiantischen Talent“ in einem bundesweit angelegten Casting durchsetzte.

          Topmeldungen

          Geheimnis des Darts : Auf der Suche nach dem perfekten Wurf

          Die besten Dartsspieler werfen bei der WM in London ihre Pfeile fast nach Belieben in winzig kleine Felder. Für Professor Metin Tolan ist das in dieser Exaktheit physikalisch kaum erklärbar.

          Polizeiskandal in Hessen : Ein Minister in Erklärungsnot

          In der Affäre um ein mutmaßliches rechtsextremes Netzwerk in der Frankfurter Polizei wächst der Druck auf den hessischen Innenminister. Die Opposition wirft Beuth vor, Informationen bewusst vorenthalten zu haben – wegen der Landtagswahl.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.