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Olof Palme : Machtwille und Geltungssucht

Olof Palme Bild: AFP

Olof Palme, der Politiker, der Sozialist, der Internationalist, der Charmeur, der Charismatiker, er verschwand nach dem Mord im Nebel peinlicher Ermittlungsfehler und endloser Verschwörungstheorien. Jetzt bringt ihn eine Biografie wieder ans Licht.

          Shirley MacLaine traf Anfang der siebziger Jahre Olof Palme in New York und war hingerissen. Die Schauspielerin kam nach Schweden und diskutierte im Fernsehen mit ihm über Politik. Später würde sie behaupten, ein Verhältnis mit ihm gehabt zu haben. Sie hielt ihn für die Reinkarnation Karls des Großen. Nach seinem Tod führte sie Gespräche mit seinem Astralkörper.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Die Episode spielt in Henrik Berggrens Biographie über Olof Palme keine große Rolle. Aber es ist gut, dass er sie erwähnt. Denn Shirley MacLaines Verliebtheit in die schwedische Kultfigur steht für die Art und Weise, wie Palme vergöttert wurde, in Schweden, aber ganz besonders außerhalb Schwedens. Und sie zeigt, wie durch den tragischen Tod des Politikers aus der Bewunderung eine Mystifizierung wurde. Darin trafen sich sogar die Freunde, die ihn liebten, mit den Gegnern, die ihn hassten.

          Der Mord an Olof Palme vor 25 Jahren in der Stockholmer Innenstadt war, so gesehen, das perfekte Verbrechen. Der Mörder wurde nie überführt, der Revolver, mit dem er erschossen wurde, nie gefunden. Und Palme, der Politiker, der Sozialist, der Internationalist, der Charmeur, der Charismatiker, er verschwand nach dem Mord im Nebel peinlicher Ermittlungsfehler und endloser Verschwörungstheorien. Palme starb noch einmal, und sein unaufgeklärter Tod wurde zum Trauma der Schweden. Als habe es ihn gar nicht gegeben. Wer auch immer ihn an jenem Freitag, dem 28. Februar 1986, auf dem Sveavägen auslöschen wollte, es wäre ihm beinahe gelungen. Beinahe. Denn nun gibt es diese Biographie. Sie ist viel mehr. Von vielen anderen Versuchen unterscheidet sie sich dadurch, dass sie Palme nicht im Nebel des nationalen Traumas sucht, sondern erklärt. Die nüchterne Art, wie Berggren daraus die Saga eines schwedischen Jahrhunderts macht, schützt den Biographen vor seiner Sympathie für Palme, die er immer wieder durchblicken lässt. Berggren ist Redakteur der liberalen „Dagens Nyheter“, die als Flaggschiff der bürgerlichen Presse Schwedens nicht unbedingt zur Palme-Gemeinde gehörte, aber durchaus Respekt und Bewunderung für ihn übrig hatte.

          Am Ort des Attentats: Schweden gedenken in Stockholm des Todes Olof Palmes vor 25 Jahren.

          Viele Brücken zwischen der bürgerlichen und der sozialdemokratischen Welt, der Arbeiterbewegung oder, wie sie Berggren öfters auch nennt, der „Volksbewegung“, gab und gibt es nicht. Hier die Bauern, der König und das Stadtbürgertum, dort die Arbeiter, die Angestellten und die Gewerkschaften. Hier das linke Lager, dort das rechte. Palme wird gerne als die Gestalt gezeichnet, die noch diese wenigen Brücken eingerissen hat und die Polarisierung auf die Spitze trieb. Berggren zeigt, dass das nur die halbe Wahrheit ist, weil eine dieser Brücken Palme dazu verhalf, aus der Welt, aus der er stammte, dem Großbürgertum Stockholms, in die Arbeiterbewegung zu finden. Berggren benutzt, um diese Verbindung zu beschreiben, den Begriff des „Kulturradikalismus“, der im Schwedischen geläufig ist, im Deutschen aber fehlt.

          Ein bisschen Buddenbrook, ein bisschen Strindberg

          Gemeint ist protestantischer Fortschrittsglaube, Individualismus und ein literarisch gesättigter Rationalismus, der ungeduldig gegen jede Beharrung rebelliert. Das kann durchaus bürgerlich und durchaus kapitalistisch sein, ein bisschen Buddenbrook, ein bisschen Strindberg. Palme hatte von allem etwas. Die Palmes spielten in der Geschäftswelt Stockholms eine ähnliche Rolle wie die Unternehmerfamilie der Wallenbergs. Und es wehte ein Hauch von Kosmopolitismus durch das Elternhaus im Stockholmer Edelviertel Östermalm. Gunnar Palme, Olofs Vater, hatte eine baltendeutsche Adlige geheiratet, Elisabeth von Knieriem, „Müsi“ genannt, ein Flüchtlingskind aus Lettland, dem Schweden allerdings nicht richtig zur Heimat werden wollte. Als Olof sieben Jahre alt war, brach die behütete Welt zusammen. Sein Vater starb. Fortan war er auf sich gestellt, erst im Internat in Sigtuna, dann in der Ausbildung zum Reserveoffizier, schließlich in Amerika auf dem Kenyon College in Ohio, fast möchte man sagen: für den Rest seines Lebens.

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