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: Nur nichts in die Elbe werfen!

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Seit dem Mauerbau 1961 lag die am 17. Juni 1953 durch Brandstiftung zerstörte HO-Gaststätte "Haus Vaterland" mitten im Grenzstreifen in der Mondlandschaft des Potsdamer Platzes. Dem Abriss der durch Gebietstausch später im Westen gelegenen Ruine eines der ehemals größten Vergnügungspaläste Berlins erteilte die SED am 16.

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          Seit dem Mauerbau 1961 lag die am 17. Juni 1953 durch Brandstiftung zerstörte HO-Gaststätte "Haus Vaterland" mitten im Grenzstreifen in der Mondlandschaft des Potsdamer Platzes. Dem Abriss der durch Gebietstausch später im Westen gelegenen Ruine eines der ehemals größten Vergnügungspaläste Berlins erteilte die SED am 16. September 1975 ihren Segen. Zur "Durchführung" dieses Beschlusses sollten nach einer Mitteilung an das Politbüro vom 29. Februar 1976 "in Expertengesprächen mit Vertretern des West-Berliner Senats die erforderlichen Details" so geregelt werden, "dass für Personen, Gebäude, Einrichtungen und Grenzsicherungsanlagen der DDR kein Schaden entsteht". Schadensminimierung durch Gespräche ist ein durchgehender Zug der Deutschland-Politik der Jahre 1975/76.

          Tausend Seiten - Fernschreiben, Briefe, Botschaften, Noten, Protokolle, Thesen, Analysen, Erklärungen, Ausarbeitungen und Anlagen - zeugen vom Fleiß der Schreiber und Akteure, die viel Papier hinterlassen haben, darunter auch ein "Non-paper" der Bundesregierung, ein "Kampfauftrag für den Bereich Kommerzielle Koordinierung" und der "Befehl Nr. 1/75 zur Vorbeugung, Aufklärung und Verhinderung des ungesetzlichen Verlassens der DDR und Bekämpfung des staatsfeindlichen Menschenhandels". Staatsmänner, Staatsdiener und Gesprächspartner im Schatten, sie alle haben - im Einzelfall gegen "ausdrückliche Weisung", "nur mündlich vorzutragen und kein Papier zu hinterlassen" - ihre Sicht der Dinge zu den Akten geschrieben oder schreiben lassen.

          Bei der KSZE-Abschlusskonferenz in Helsinki im August 1975 traf Bundeskanzler Helmut Schmidt erstmals mit der "Nummer eins" der DDR, SED-Generalsekretär Erich Honecker, zusammen. Die Begegnung wirkte fast "routinemäßig". Über Herbert Wehner, den Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, und dessen "Gesprächspartner", den Ost-Berliner Anwalt Wolfgang Vogel, hatte Schmidt Anfang April 1975 "E.H." sein Interesse an einem ausführlichen Gespräch signalisiert. Die Verbindung bewährte sich einmal mehr. Kryptisch notierte Wehner: "Mein Gesprächspartner drückte es unter anderem so aus: Ich bin überzeugt, dass beide einander passend finden werden." Das Gespräch in Helsinki eröffnete Schmidt. Er bekannte sich zur "Weiterführung der 1969 eingeleiteten Politik" und bat Honecker, diese nicht nach "Spiegel" oder "Springer-Presse" zu beurteilen. "Dies gebe ein falsches Bild. Wenn Zweifel bestünden, so solle man besser den Bundeskanzler selber fragen. Die nötigen Kanäle seien ja geschaffen." Honecker revanchierte sich höflich ("wir sind nüchterne Leute"), konnte sich jedoch nicht verkneifen, dem "Realpolitiker" Schmidt das "neuerliche Wiedervereinigungsgerede in der BRD" vorzuhalten. Den Stich parierte der Kanzler staatsmännisch, indem er zunächst unter Hinweis auf die "Presse" abwiegelte, um dann hinzuzufügen, niemand wisse, wie das 20. Jahrhundert enden werde. Und er vergaß nicht, auch noch Salz in die Wunde zu streuen, indem er auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Grundlagenvertrag hinwies - eine "Reliquie" freilich nach der Einschätzung Wehners.

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