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: Nur manchmal widerständig

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Sind Karneval, Fastnacht und Fasching tatsächlich so obrigkeitskritisch und menschenfreundlich, wie manche Narren glauben machen wollen? Die Gegner sagen natürlich: nein. Nicht umsonst, so behaupten einige Ahnungslose, hätten "Fasching" und "Faschismus" denselben Wortstamm; andere stört das angebliche "Feiern ...

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          Sind Karneval, Fastnacht und Fasching tatsächlich so obrigkeitskritisch und menschenfreundlich, wie manche Narren glauben machen wollen? Die Gegner sagen natürlich: nein. Nicht umsonst, so behaupten einige Ahnungslose, hätten "Fasching" und "Faschismus" denselben Wortstamm; andere stört das angebliche "Feiern auf Kommando" (als ob nicht die meisten Feste eines Anlasses bedürften), vom Massenhaften ganz zu schweigen; wieder andere werfen dem karnevalistischen Humor vor, dumpfe Ressentiments zu bedienen.

          So einfach ist es nicht. Aber so schwierig auch nicht. Wer wissen will, woher derlei Vorwürfe kommen könnten und warum sie - bei aller Unberechtigtheit - nicht unberechtigt sind, der nehme etwa das jüngst erschienene Buch "Alaaf und Heil Hitler" von Carl Dietmar und Marcus Leifeld zur Hand. Die Autoren konzentrieren sich auf den Karneval im Nationalsozialismus. Dabei wird schon im einführenden Kapitel über seine historische Genese der Mythos entzaubert, dass die deutschen Karnevalisten seit jeher die Herrschenden herausgefordert hätten. Zwar lassen sich etwa in den Jahren vor der Revolution 1848/49 tatsächlich hier und da antiautoritäre Züge ausmachen. Mit den siegreichen Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71 war aber doch auch die Mehrzahl der Narren zu Anhängern des preußischen Nationalismus geworden. Spätestens. Schließlich hatten sie sich schon 1827 die Idee eines preußischen Generals zu eigen gemacht, bei Zusammenkünften Kappen zu tragen.

          Viel schmerzlicher ist der Befund der Autoren für die Jahre 1933 bis 1945 - zumal er ein Selbstbild der Karnevalisten konterkariert, das jahrzehntelang kultiviert und verteidigt wurde. Auf den Punkt gebracht: Das nationalsozialistische System wurde von den Narren eben nicht in Frage gestellt. Mehr noch: Sie stützten es aus freien Stücken oder ließen zumindest ohne nennenswerten Widerstand zu, dass sie von der Propaganda instrumentalisiert wurden. Insbesondere der Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" gelang es so zusehends, sich der Orchestrierung des Karnevals, der "ein zu bejahendes Stück Volkstum" sei, zu bemächtigen, ohne ihn jedoch vollends "gleichschalten" zu können.

          Bis 1933 gab es auch zahlreiche Juden, die sich teils in verantwortlicher Position im Karneval engagierten. Nach und nach schloss man die Juden aus den Karnevalsgesellschaften aus; sie wurden in Büttenreden und von Umzugswagen herab verhöhnt. Zu den helleren Kapiteln gehört etwa der Kölner Büttenredner Karl Küpper, der auf der Bühne den "Hitler-Gruß" verspottete und dafür mit einem lebenslangen Redeverbot belegt wurde - als einziger Kölner Karnevalist. Man könnte weitere Beispiele für widerständiges oder wenigstens widerspenstiges Handeln anführen. Dieses ging aber meist von Einzelnen aus und wurde zum Teil von den Machthabern gezielt geduldet. Und wenn es Gegrummel gab, dann richtete sich dieses meist nicht gegen die Nationalsozialisten an sich, sondern gegen Brüche mit der karnevalistischen Tradition, die diese vornahmen. So wurde etwa 1938 erstmals die Jungfrau des Kölner Dreigestirns, seit jeher ein kostümierter Mann, durch eine Frau dargestellt.

          Man merkt dem Buch an, dass es von Autoren verfasst wurde, die sich im Karneval besser auszukennen scheinen als im Nationalsozialismus. Die Standardwerke zum "Dritten Reich" wurden denn auch kaum herangezogen, weshalb manches im Vagen bleiben muss ("Hitler wird den Fasching in München selbst erlebt haben"). Auch frei von Fehlern ist die Monographie nicht. So trifft es schlicht nicht zu, dass Göring, der noch in einem Karnevalsgedicht von 1938 als "fetter Hering" verspottet wurde, zu jener Zeit "der höchste SA-Führer" gewesen sei. Trotzdem gehört das Buch in eine Reihe jüngerer Publikationen, die sich mit dem Thema Karneval, Fasching, Fastnacht angenehm kritisch auseinandersetzen, ohne dabei ätzend zu sein. Begünstigt wurde es dadurch, dass etwa im Kölner Festkomitee inzwischen eine Generation zu sagen hat, der selbst an einer Aufarbeitung der Geschichte gelegen ist und die die obrigkeitskritische Tradition des Karnevals, die es ja durchaus gibt, zusehends wiederbelebt. So erhielten Dietmar und Leifeld Zugang zu Dokumenten, die früher streng gehütet wurden. Ergebnis ist ein Buch, das zwar wissenschaftlichen Maßstäben nicht immer standhält, aber doch einen nachhaltigen Eindruck davon vermittelt, wie schnell Lachen in Hohngelächter umschlagen kann - und wie rasch aus Masken Fratzen werden.

          TIMO FRASCH.

          Carl Dietmar/Marcus Leifeld: "Alaaf und Heil Hitler. Karneval im Dritten Reich", Herbig-Verlag, München 2010, 222 Seiten.

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