https://www.faz.net/-gqz-vehu

: Nur Gastrolle

  • Aktualisiert am

"Rassenvermischung" denunzierte Hitler schon in "Mein Kampf" als verderblich für die "Arier". So gerieten nach 1933 auch die Kinder und Nachkommen von jüdisch-christlichen Mischehen ins Visier des Systems. Gemessen an der Zahl der Gequälten und Toten, die das Regime zu verantworten hat, handelte es sich um eine verhältnismäßig kleine Anzahl von Menschen.

          "Rassenvermischung" denunzierte Hitler schon in "Mein Kampf" als verderblich für die "Arier". So gerieten nach 1933 auch die Kinder und Nachkommen von jüdisch-christlichen Mischehen ins Visier des Systems. Gemessen an der Zahl der Gequälten und Toten, die das Regime zu verantworten hat, handelte es sich um eine verhältnismäßig kleine Anzahl von Menschen. Mit pseudowissenschaftlicher Präzision wurde zwischen etwa 72 000 Mischlingen ersten Grades mit einem jüdischen Elternteil und rund 40 000 Mischlingen zweiten Grades mit jüdischen Großeltern unterschieden. Von beiden Gruppen wurden wiederum etwa 8000 als "Geltungsjuden" betrachtet, wenn sie einer jüdischen Gemeinde angehörten oder sich in anderer Form zum Judentum bekannt hatten. Über die Behandlung der Mischlinge bestand bis zum Schluss Uneinigkeit innerhalb des Machtapparates, dennoch wurden diese Menschen systematisch und im Lauf der Jahre zunehmend drangsaliert und verfolgt. Die meisten von ihnen überlebten aber den Zweiten Weltkrieg.

          Zur Ergänzung der vielfältigen Forschungen auf diesem Gebiet stellt James F. Tent persönliche Schicksale, die sich nicht auf die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft beschränken, sondern die ganzen Lebensläufe im 20. Jahrhundert einbeziehen, in den Mittelpunkt seiner Darstellung. Dabei schöpft er aus eigenen Befragungen und amtlichen Quellen, die allerdings meist nicht in direktem Bezug stehen. Die Befragten waren im "Dritten Reich" meist Kinder oder Jugendliche. In der "Volksgemeinschaft" blieb ihnen nur eine Art Gastrolle. Aus vielen weiterführenden Schulen wurden sie auch ohne staatliche Maßnahmen herausgedrängt, bis ihnen ab 1944 nicht einmal mehr der Grundschulbesuch möglich war. Ab 1941 wurden die meisten Mischlinge, die in der Wehrmacht dienten, als "wehrunwürdig" ausgeschlossen und ab 1944 zur Zwangsarbeit verpflichtet. Nach dem Krieg wurden Entschädigungen nur selten und schleppend gewährt, die allermeisten schwiegen über ihr Schicksal. Umso beeindruckender sind viele Nachkriegskarrieren, die Betroffene in wichtige Funktionen in Forschung, Wissenschaft, Medien und zu höchsten Staatsämtern aufsteigen ließen.

          KLAUS A. LANKHEIT

          James F. Tent: Im Schatten des Holocaust. Schicksale deutsch-jüdischer "Mischlinge" im Dritten Reich. Böhlau Verlag, Köln 2007. 352 S., 24,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in Amerika

          Handelsstreit : SPD: Altmaier knickt vor Trump ein

          Der Bundeswirtschaftsminister bietet den Amerikanern eine Abschaffung der EU-Industriezölle an. Die SPD sieht darin ein Zeichen der Schwäche: „Trump versteht nur eine harte Sprache der EU.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.