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: Nicht von gestern

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Der Name des Philosophen Joachim Ritter (1903-1974) ist heute nur wenigen Menschen geläufig. Anders verhält es sich mit einer Reihe seiner Schüler: Hermann Lübbe, Odo Marquardt und Robert Spaemann, die im Zentrum dieser Studie stehen, zudem Martin Kriele und Ernst-Wolfgang Böckenförde, wobei sich ...

          Der Name des Philosophen Joachim Ritter (1903-1974) ist heute nur wenigen Menschen geläufig. Anders verhält es sich mit einer Reihe seiner Schüler: Hermann Lübbe, Odo Marquardt und Robert Spaemann, die im Zentrum dieser Studie stehen, zudem Martin Kriele und Ernst-Wolfgang Böckenförde, wobei sich die Spannweite nach rechts bis zu Günter Rohrmoser und nach links bis zu Ernst Tugendhat und in die Friedensbewegung erstreckte. Das Gravitationszentrum lässt sich allerdings als "liberalkonservativ" beschreiben, wie es Jens Hacke unter Rückgriff auf zeitgenössische Debatten tut, freilich entgegen Jürgen Habermas' maliziöser Etikettierung als "neokonservativ".

          Dass diese politischen Philosophen in Münster, am Collegium Philosophicum der Universität, eine Schule bildeten, die die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen einer breiteren liberalkonservativen Strömung vor allem in den siebziger und achtziger Jahren intellektuell nachhaltig prägte - diesen Zusammenhang und seine politisch-kulturelle Bedeutung aufzuzeigen ist ein zentrales Verdienst dieser Untersuchung. Sie konzentriert sich - aus der Warte der politischen Theorie - vorrangig auf intellektuelle Elitendiskurse, deren Wirkungsgeschichte und deren Verbindung mit der allgemeinen politischen Kultur historisch-empirisch freilich mehr noch zu konkretisieren und zu differenzieren wäre. Nichtsdestoweniger vermag Hacke eine stringente und sehr plausible Argumentation zu entfalten. Dass man dies heute lieber intellectual history nennt, ändert im Übrigen nichts daran, dass es sich um klassische Ideengeschichte in ihrem besten, reflektierten Sinne handelt, deren Erkenntnispotentiale Hacke in der praktischen Anwendung eindrücklich unter Beweis stellt - was wiederum ganz dem Denkstil der hier porträtierten Liberalkonservativen und überhaupt einem urkonservativen Habitus entspricht: sich auf das Gelingen der Praxis zu konzentrieren statt vorgängigen Theorien zu folgen. Das Ergebnis, im doppelten Sinne, kann sich sehen lassen.

          Die Liberalisierung der konservativ-antidemokratischen Vorstellungen von Carl Schmitt und Arnold Gehlen, die "adaptive Transformation konservativer Theoreme an liberale Verfassungsrealitäten" der Bundesrepublik durch die liberalkonservative Ritter-Schule - das ist Hackes zentrale These. Denn Schmitts Dezisionismus, der Vorrang der Entscheidung und "Tat" an sich, wurde in einen institutionell garantierten liberalen Ordnungsrahmen überführt, und Gehlens Hochschätzung der Institutionen wurde an die Vorgaben der liberalen Verfassung geknüpft. Ganz im Gegensatz zu konservativem Kulturpessimismus oder gar zur konservativen Revolution der Zwischenkriegszeit führte diese Richtung unter den Bedingungen der Bundesrepublik zu einer entschiedenen Affirmation und Verteidigung des Bestehenden, der von ihren Kritikern als "FDGO" verspotteten Grundordnung der Bundesrepublik - in Deutschland, zumindest historisch gesehen, von rechts und links keine Selbstverständlichkeit.

          Im Kern dieses Liberalkonservatismus standen die Absicherung des Fortschritts durch Institutionen, ein pfleglicher Umgang mit Traditionen und vor allem der Rekurs auf den Commonsense. Dieser klassisch-konservative Referenzpunkt greift auf das aristotelische Konzept der "Mitte" zurück und besitzt in der angelsächsischen Gedankenwelt eine noch viel höhere sozialmoralische Verbindlichkeit als im Deutschen, wo er zumeist auf einen "gesunden Menschenverstand" verkürzt wird. Dabei entzieht sich common sense einer theoretischen Letztbegründung und setzt vielmehr einen Kern an geteilten Grundannahmen voraus, den die postmoderne "Zerschlagung der Gewissheit" indessen nicht unberührt lassen konnte.

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