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Nazi-Vergangenheit : Entlarvt

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Gine Elsner beschreibt am Beispiel Ernst Günther Schenks den Aufstieg deutscher Mediziner, die den Nationalsozialismus nutzten, um ihre wissenschaftliche Karrieresucht zu befriedigen.

          Die langjährige Direktorin des Instituts für Arbeitsmedizin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main wurde 1989 auf ein Buch mit dem Titel „Patient Hitler“ von Ernst Günther Schenk aufmerksam. Es hatte mehrere positive Besprechungen erhalten, doch kein Rezensent nahm Anstoß daran, dass Schenk im Nachwort seine eigenen Mitgliedschaften in NSDAP, NS-Ärztebund, SA sowie Waffen-SS erwähnte. Eine kritische Rezension ihrerseits führte dazu, dass sie ein Einschreiben Schenks erhielt: Er bezichtigte sie der Verleumdung und der Lüge. Schenk starb 1998. Zehn Jahre später konnte die Autorin Akten eines eingestellten Ermittlungsverfahrens gegen Schenk wegen Mordes, Mordversuchs oder Beihilfe zum Mord bei „Ernährungsversuchen“ im KZ Mauthausen einsehen.

          Gine Elsner zeigt an Schenk beispielhaft den Aufstieg eines derjenigen deutschen Mediziner auf, die - wie schon Michael H. Kater über „Ärzte als Hitlers Helfer“ ausführte - „das nationalsozialistische Klima nutzten, um auf jede erdenkliche Weise eine wissenschaftliche Karriere zu machen“. Katers Vorwurf, auch Schenk habe die eigene Rolle im NS-Unterdrückungssystem verschwiegen, findet jetzt eine Bestätigung. Schenk war zunächst Chefarzt in München und Berater des „Instituts für Heilpflanzenkunde und Ernährung“ in Dachau. Der dortige große Kräutergarten wurde von dem Kommando „Plantage“, etwa 1500 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau, unterhalten. Von 1939 bis 1945 leitete Schenk die Abteilung „Krankenernährung“ bei der Reichsärztekammer in Berlin. Er besuchte in dieser Funktion auch das KZ Auschwitz-Birkenau sowie das Lager der „Ostarbeiter“ beim Volkswagenwerk.

          Im September 1942 ordnete Heinrich Himmler an, SS-Sturmbannführer Schenk solle sich als „Ernährungsinspekteur“ um die „Ernährungsversuche“ im KZ Mauthausen kümmern. Über diese Versuche sowie die Sterblichkeit unter den beteiligten Häftlingen war bis 1968 eigentlich genug veröffentlicht worden. Doch ließ ein ihn entlastendes Gutachten die Aufnahme eines Prozesses gegen Schenk nicht zu. Bei der Firma Chemie Grünenthal in Stolberg konnte er daher ungestört bis zu seiner Pensionierung arbeiten und dann den Ruhestand genießen.

          Gine Elsner: Heilkräuter, "Volksernährung", Menschenversuche. Ernst Günther Schenck (1904-1998): Eine deutsche Arztkarriere. VSA Verlag, Hamburg 2010. 142 Seiten, 12,80 Euro.

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