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Nazi-Liberale : Lumpensammler von Opladen

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Kristian Buchna hat eine sehr informative Studie über die nordrhein-westfälische FDP von 1945 bis 1953 geschrieben. Auf breiter Quellenbasis untersucht er den Versuch Friedrich Middelhauves, eine „Nationale Sammlung“ als dritten Block rechts von Sozial- und Christlichen Demokraten zu schaffen.

          Ein „überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus“ sei Friedrich Middelhauve nicht gewesen, auch kein NSDAP-Mitglied. Und doch war dem 1886 geborenen Literaturwissenschaftler, der 1921 in Wiesdorf eine Buchhandlung, 1924 in Opladen eine Druckerei und später zwei Verlage gegründet hatte, nach dem Untergang des Nationalsozialismus „die politische Vergangenheit einer Person vor 1945 völlig gleichgültig für deren Bewertung in der Gegenwart“. Das betont Kristian Buchna in seiner höchst informativen Studie über die nordrhein-westfälische FDP von 1945 bis 1953.

          „Nationale Sammlung“

          Auf breiter Quellenbasis untersucht der Autor das Ziel des Verlegers, eine „Nationale Sammlung“ als dritten Block rechts von Sozial- und Christlichen Demokraten zu schaffen. Von Opladen (heute Stadtteil Leverkusens) aus sollte zunächst der Landesverband und dann die Bundespartei auf Kurs gebracht werden. Diesem Spuk machte die britische Besatzungsmacht ein Ende, indem sie von einer theoretischen Bedrohung für die eigene Sicherheit ausging und am 14./15. Januar 1953 sechs ehemalige ranghohe Nationalsozialisten - darunter den früheren Staatssekretär im Reichspropagandaministerium Werner Naumann - verhaftete. Bundeskanzler Adenauer (CDU) war damals erleichtert, er hätte sich sogar eine Verurteilung der Unbelehrbaren gewünscht, zu der es jedoch nicht kam.

          Zwei Knotenpunkte

          Der externe Anstoß hatte Signalwirkung für die FDP, deren Meinungsspektrum von Reinhold Maiers Koalition mit der SPD in Stuttgart bis zu Middelhauves „Deutschem Programm“ in Düsseldorf reichte, mit der Forderung nach Generalamnestie für NS-Täter als „vornehmstem Anliegen“. Dieser Ansatz lief der Bundespolitik - dort war die FDP Koalitionspartner Adenauers - zuwider. Dennoch hielt Middelhauve bis 1953 daran fest, was an seinen Beratern lag. Im Umkreis des Landesverbandsvorsitzenden lassen sich nach Buchna zwei braune Knotenpunkte lokalisieren: Zum einen das Reichspropagandaministerium, hier besonders der 1906 geborene Wolfgang Diewerge, der bis zum Ministerialrat aufgestiegen war und sich als Autor antisemitischer Hetzschriften hervorgetan hatte. Im Opladener Büro fungierte er bis zur „Naumann-Affäre“ als Middelhauves Privatsekretär.

          Die Rolle Ernst Achenbachs

          Den anderen Knotenpunkt bildete die deutsche Botschaft im besetzten Paris, hier vor allem der 1909 geborene Jurist Ernst Achenbach, der als Leiter der Politischen Abteilung der Botschaft „in die Verhaftungen und Deportationen der in Frankreich lebenden Juden involviert“ sowie „über die Umsetzung der Judengesetze und deren Auswirkungen auf die ,Endlösung der Judenfrage' informiert“ gewesen sei. 1944 wurde er noch Soldat. Nach dem Krieg war Achenbach Verteidiger im Nürnberger IG-Farben- sowie im Wilhelmstraßen-Prozess. Achenbach saß für die FDP seit 1950 im Düsseldorfer Landtag. Im Januar 1953 erklärte er sich spontan bereit, die Verteidigung Naumanns zu übernehmen. Spätestens diese Entscheidung (von der er im Mai zurücktrat) habe „aus der Naumann-Affäre eine FDP-Affäre“ gemacht, weil sie „die dringenden Bemühungen der Parteiführung, von den Aktivitäten des Naumann-Kreises abzurücken“, sabotierte. Privatsekretär Diewerge pflegte ohnehin enge Verbindungen zu Naumann.

          Heuss: die Nazi-FDP

          Achenbach konnte trotz allem in der Politik weiter reüssieren, weil er über seinem Freund und Mandanten Hugo Stinnes der unentbehrliche Mittelsmann zwischen Schwerindustrie und FDP war. Durch einen aussichtsreichen Listenplatz schaffte er 1957 den Sprung in den Bundestag, dem er bis 1976 angehörte. Als einflussreicher Berichterstatter des Auswärtigen Ausschusses war es ihm Anfang der siebziger Jahre möglich, die Ratifizierung eines Zusatzabkommens zwischen der Bundesrepublik und Frankreich „systematisch zu verschleppen“, um so NS-Kriegsverbrecher zu schützen. Laut Buchna war Middelhauve „alles andere als ein dumpfer Rechtsradikaler“, jedoch auch kein „naives Opfer“ einer von Altnazis betriebenen Unterwanderung des NRW-Landesverbands, als den ihn die FDP im Zuge der „Naumann-Affäre“ nachsichtig hinstellte. Weiterhin muss Middelhauves Ideal von einer Parteistruktur - „Führungsdemokratie“ mit völliger Handlungsfreiheit des gewählten Vorsitzenden - befremden. Dadurch wird allerdings das bekannte scharfe Diktum von Bundespräsident Theodor Heuss aus dem Jahr 1956 über seine Düsseldorfer Parteifreunde abschreckend bestätigt: „Nazi-FDP“.

          Kristian Buchna: Nationale Sammlung an Rhein und Ruhr. Friedrich Middelhauve und die nordrheinwestfälische FDP 1945-1953. R. Oldenbourg Verlag, München 2010. 248 S., 24,80 [Euro].

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