https://www.faz.net/-gqz-veia

: Nationalsozialismus und Stalinismus

  • Aktualisiert am

Mitte der achtziger Jahre löste Ernst Noltes Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus unter anderem über den Vergleich mit dem Stalinismus den sogenannten "Historikerstreit" aus und brachte ihm den Vorwurf ein, er wolle die Singularität des Nationalsozialismus in Frage stellen. Auch wenn ...

          Mitte der achtziger Jahre löste Ernst Noltes Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus unter anderem über den Vergleich mit dem Stalinismus den sogenannten "Historikerstreit" aus und brachte ihm den Vorwurf ein, er wolle die Singularität des Nationalsozialismus in Frage stellen. Auch wenn der Berliner Historiker und Philosoph dies ausdrücklich nicht gewollt hatte, wurde ihm und einigen Kollegen unterstellt, diesen Teil der deutschen Geschichte einfach "entsorgen" und ein neues, von der Last des Nationalsozialismus befreites Geschichtsbild konstruieren zu wollen. Aus heutiger Perspektive zeigt sich, dass es sich bei der Kontroverse in erster Linie um einen Spiegel des problematischen Verhältnisses der Deutschen zu ihrer nationalen Identität handelte.

          Die teilweise an der Grenze zur Hysterie geführte Debatte mutet angesichts des Ganges der Geschichte seither geradezu absurd an. Schließlich hatte keiner der Kritiker eine Antwort auf die zentrale, von Nolte aufgeworfene Frage parat, wie denn die Singularität des Nationalsozialismus anders nachgewiesen werden könne als über das Mittel des Vergleichs. Und wie fruchtbar und sinnvoll dieser Ansatz für die Forschung über das "Dritte Reich" sein konnte, zeigte Alan Bullock bereits wenige Jahre später in seiner aufsehenerregenden Doppelbiographie "Hitler und Stalin", ohne dass ihm Relativierung und Geschichtsklitterung vorgeworfen worden wären. Die zunehmende zeitliche Distanz zum Untersuchungsgegenstand Nationalsozialismus erleichtert somit nicht nur die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihm, sondern eröffnet auch neue Perspektiven und Zugänge; der Vergleich mit anderen Totalitarismen ist ein probates Mittel und seit Bullock mehrfach erfolgreich erprobt worden. Die Besonderheiten der nationalsozialistischen Herrschaft wurden dabei nicht in Frage gestellt, stattdessen konnten Besonderheiten anderer totalitärer Herrschaftsformen konturenschärfer als zuvor herausgearbeitet werden.

          Die jüngste Studie, in der dieser Ansatz verfolgt wird, widmeten ihre Verfasser Dietrich Beyrau zu seinem 65. Geburtstag. Dieser hatte sich seinerzeit selber mit Noltes These vom "Europäischen Bürgerkrieg" kritisch auseinandergesetzt, nun bringt der Russland-Spezialist Jörg Baberowski seine Expertise zum Stalinismus ein, Anselm Doering-Manteuffel sein Wissen um die Besonderheiten der NS-Herrschaft. Sie stellen ihre Ergebnisse einander gegenüber, Hans Mommsen vergleicht sie in seinem Vorwort miteinander. Dabei verweist er darauf, dass der Vergleich beider Diktaturen zahlreiche Ähnlichkeiten aufzeige, aber auch signifikante Unterschiede deutlich werden lasse: Beide seien an dem Versuch gescheitert, eine neue Ordnung gewaltsam zu erzwingen, beide hätten Geschichtlichkeit, Traditionen und historische Rechte radikal abgelehnt, in beiden Fällen habe die Dynamik grenzenloser Gewaltausübung zu einer Verselbständigung des Terrors geführt und die ursprünglichen Motive in Vergessenheit geraten lassen. Aber auch wenn es Indizien für gegenseitige Adaptionen terroristischer Techniken gebe, dürfe das NS-Regime nicht, wie seinerzeit von Ernst Nolte postuliert, als negative Kopie des Bolschewismus gesehen werden. Dazu seien beider Wurzeln zu unterschiedlich, ebenso ihre historisch-politischen Rahmenbedingungen. So sei beispielsweise die Vernichtungspolitik des "Dritten Reiches" gegenüber den Juden als eine genuine Besonderheit des Nationalsozialismus zu begreifen, da es für sie trotz einzelner Phasen antisemitistischer Gewaltaktionen im Stalinismus keine Entsprechung gebe.

          Weitere Themen

          „Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

          Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

          Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

          Das Ende der Metapher

          Amanda Palmers Tour : Das Ende der Metapher

          Amanda Palmer, einst Sängerin der Dresden Dolls, tourt mit einem therapeutischen Sitzkonzert. Es geht um tote Babys und um Mitgefühl. Und alles hat mit Trump zu tun.

          Topmeldungen

          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.