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: Mit Spargel fängt man Genossen

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Annekatrin Gebauers Studie über die Auseinandersetzungen zwischen dem Seeheimer Kreis und der Neuen Linken ist ganz aus der Perspektive der Seeheimer verfaßt, deren Urteil über die Jungsozialisten und die Alternativ- und Friedensbewegung sie distanzlos übernimmt. Das führt zwangsweise dazu, daß deren Theorien, Utopien und Aktivitäten häufig undifferenziert dargestellt werden.

          Annekatrin Gebauers Studie über die Auseinandersetzungen zwischen dem Seeheimer Kreis und der Neuen Linken ist ganz aus der Perspektive der Seeheimer verfaßt, deren Urteil über die Jungsozialisten und die Alternativ- und Friedensbewegung sie distanzlos übernimmt. Das führt zwangsweise dazu, daß deren Theorien, Utopien und Aktivitäten häufig undifferenziert dargestellt werden. Wer indes etwas über die Geschichte des Seeheimer Kreises und der "Kanalarbeiter" erfahren möchte, sollte das Buch unbedingt lesen.

          Die Autorin sieht in der Kontroverse zwischen dem Seeheimer Kreis und den Ende der sechziger Jahre von den Hochschulen in die SPD eindringenden Neomarxisten eine Neuauflage des 70 Jahre zuvor ausgebrochenen Richtungsstreites in der SPD. Damals hatte Eduard Bernstein Kritik an den in der Partei noch gültigen marxistischen Dogmen geübt und die Genossen aufgefordert, sich zu dem zu bekennen, "was sie heute in Wirklichkeit ist, eine demokratisch-sozialistische Reformpartei". Es läßt sich jedoch bezweifeln, ob die theoretischen Auseinandersetzungen zwischen Marxisten wie Kautsky und Rosa Luxemburg und dem "Revisionisten" Bernstein und der Meinungskampf zwischen Seeheimern und Neuer Linke tatsächlich in eine Traditionslinie gebracht werden können. Denn ein Mann von der geistigen Statur Bernsteins, der im Gegensatz zu den Seeheimern am sozialistischen Endziel festhielt, ging aus deren Reihen nicht hervor. Wenn auch die innerhalb der Jusos ausgetragenen Grabenkämpfe nicht die geistige Höhe des um die Jahrhundertwende geführten Revisionismusstreites erreichten, so brachen doch in den Debatten zwischen Reformsozialisten wie Nobert Gansel, Karsten Voigt und dem Juso-Cheftheoretiker Johano Strasser auf der einen Seite und dem "antirevisionistischen" Stamokap-Flügel, der die sozialdemokratische Regierung als eine Agentin des Monopolkapitals schmähte und über deren "Sozialstaatsillusionen" höhnte, auf der anderen alte längst überholt geglaubte Kontroversen wieder auf. Diese verwiesen zurück auf den Revisionismusstreit.

          Frau Gebauer kritisiert den "Machbarkeitsoptimismus" und den "Absolutheitsanspruch" der Jungsozialisten, der sich in einer "utopischen und eschatologischen Ideologie" niedergeschlagen habe. In der Tat mutet der dem damaligen akademischen Zeitgeist geschuldete Utopieglaube heute naiv an - etwa, wenn der Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder 1978 feststellte: "Als Sozialist muß man das Paradies auf Erden für möglich halten."

          Die neomarxistischen Theoriediskussionen fanden in breiten Kreisen der Öffentlichkeit ein negatives Echo und drohten Stammwähler zu verprellen, je mehr der oppositionellen Parteijugend der "Durchmarsch" durch die SPD gelingen sollte. Neben anderen fühlte sich vor allem der während der Münchener Oberbürgermeister-Zeit mit den harten Attacken der Jusos konfrontierte Hans-Jochen Vogel herausgefordert. Vogel wollte den "verrückt gewordenen Großbürgersöhnen" der Neuen Linken eine organisierte Gegenmacht innerhalb der Partei entgegenstellen und die Sozialdemokraten wieder auf die Grundsätze des Godesberger Programms verpflichten. Seinen Wunsch, durch diese Organisation auch die "linke Vorherrschaft auf dem Büchermarkt" zu brechen, erfüllte allerdings der Seeheimer Kreis nicht. Dieser wurde im August 1973 ins Leben gerufen und wählte bald das Lufthansa-Schulungszentrum in Seeheim (Bergstraße) zu seinem Tagungszentrum.

          Obwohl die Seeheimer als "intellektuelles Vorfeld" der "Kanalarbeiter" galten und zu ihren Gründungsvätern auch Professoren wie Richard Löwenthal und Alexander und Gesine Schwan zählten, verblaßten ihre Beiträge zur Grundwertediskussion hinter den Erfolgen, die sie in der Personalpolitik und bei der Durchsetzung von Fraktionsbeschlüssen erreichten. Insofern knüpften sie an das Erbe der Kanalarbeiter an, die sich bereits in den fünfziger Jahren zusammengefunden und die Devise ausgegeben hatten: "Ohne uns läuft nichts." Auch die Seeheimer entwickelten sich wie die zu Unrecht als "Saufclub" verspotteten Kanalarbeiter zu einer schlagkräftigen Truppe: Ein während der Sitzungswochen des Bundestages stattfindender Mittagstisch diente der Vorbereitung der Fraktionssitzungen und ein eigenes Büro auf den Parteitagen der perfekten Organisation der Personalentscheidungen.

          Die Jahre 1974 bis 1982 waren die einflußreichste Zeit der Seeheimer, weil Bundeskanzler Schmidt manchen in seine Ministerriege aufgenommen hatte. Die Seeheimer fungierten als innerparteilicher Anwalt des Regierungschefs, die ihm im Kampf gegen die Gegner des Nato-Doppelbeschlusses und der friedlichen Nutzung der Kernenergie den Rücken stärkten. Die Kontroverse mit der Alternativ- und Friedensbewegung wurde von den Seeheimern nicht mehr mit der gleichen Vehemenz ausgetragen wie mit der neomarxistische Parolen verkündenden Parteijugend, die spätestens seit dem Parteiausschluß ihres Vorsitzenden Klaus Uwe Benneter 1977 ins politische Abseits geriet. So unterstützte mittlerweile der ehemalige "Juso-Fresser" Hans-Jochen Vogel den Integrationskurs des SPD-Parteivorsitzenden Willy Brandt gegenüber der Alternativbewegung. Der ehemalige politische Weggefährte Brandts, Richard Löwenthal, kritisierte hingegen in einem Thesenpapier 1981 die Werbung des Parteivorsitzenden um die "angegrünten Schichten" scharf, weil er deren Ziele mit den Interessen der "Masse der Berufstätigen" nicht für vereinbar hielt.

          Die Seeheimer blieben Gegner eines Bündnisses zwischen SPD und Grünen, was sie (wie jetzt auch die Autorin Gebauer) damit rechtfertigten, daß nur 10 Prozent der SPD-Wähler mit Abitur mit den Zielen der Grünen übereinstimmten, während 90 Prozent der SPD-Anhänger ohne Abitur in den Gewerkschaften ihre Interessenvertretung erblickten. Diese Argumentation ist kurzschlüssig, denn sie verkennt, daß akademische Schichten meinungsbildend sind und zugleich ein Nachwuchsreservoir bilden, das die SPD nicht einfach vor den Kopf stoßen konnte.

          Im Richtungsstreit der achtziger Jahre mußten die Seeheimer zurückstecken, deren Einfluß schwand, als die SPD in die Opposition geriet. Zudem erlitt auch die geschlossene Front der Seeheimer Risse. Noch als Helmut Schmidt an der Spitze der Regierung stand, hatte ein Teil der Sprecher des Seeheimer Kreises Einschnitte in die Sozialleistungen abgelehnt. Als sich die Sozialreform nicht mehr vertagen ließ, waren es allerdings die Seeheimer, die den Modernisierungskurs der Regierung Schröder unterstützten. Der Richtungsstreit der siebziger Jahre hatte endgültig sein Ende gefunden. An den berühmten Spargelfahrten des Seeheimer Kreises nahm in den letzten Jahren auch Gerhard Schröder teil, der einstige Juso-Vorsitzende, der eine Zeitlang sogar einer der Wortführer des "antirevisionistischen" Flügels gewesen war.

          PETRA WEBER

          Annekatrin Gebauer: Der Richtungsstreit in der SPD. Seeheimer Kreis und Neue Linke im innerparteilichen Machtkampf. Mit einem Geleitwort von Helmut Schmidt. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005. 286 S., 32.90 [Euro].

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